«Das Buch der Natur lesen» Kristallsucher im Urnerland

Feldschijen, Salbitschijen, Gandschijen – bei diesen Namen schlägt das Kletterherz höher. Um die wilden Urner Zacken tummeln sich aber noch andere Verwegene: Strahler oder Mineraliensucher. Zwar sind in den Alpen die Zeiten kommerziell ausgebeuteter Minen längst vorbei – doch fördern die Strahler mit Leidenschaft, Mut und Glück immer noch sensationelle Funde zutage. Besuch im Göscheneralptal bei Männern, die vom Wühlen in Klüften nicht genug bekommen.

Es leuchtete «wie ein Christbaum», als Franz von Arx im Herbst 2005 den Kegel einer Taschenlampe durch ein kleines Loch ins Dunkle richtete. Kurz zuvor hatten er und Paul von Känel nach einem langen Sommer in ihrer Kluft am Planggenstock ohne einen einzigen Fund aufgeben wollen. « Aber dann, am zweitletzten Tag, bin ich mit dem Presslufthammer plötzlich durchgebrochen », erinnert sich der 58-jährige ehemalige Bauführer. Ein Blick mit der Taschenlampe genügte, und er habe Paul, dem Bergführer, gesagt: Juchze einmal! Im Sommer darauf war dann « Erntezeit »: Es stellte sich heraus, dass die beiden auf eine der grössten je in der Schweiz gefundenen Rauchquarzstufen gestossen waren. Noch vor 50 Jahren hätten die beiden den Hauptteil, eben die 300 Kilogramm schwere Stufe, für den Abtransport wahrscheinlich zerkleinern müssen, vorbei wäre es gewesen mit dem Rekord. Dank dem heute verfügbaren Helikopter kam die Gruppe unversehrt bei der Staumauer des Göscheneralpsees an. Da sei ihm, Franz von Arx, vor Freude schon eine Träne gekommen.

Dem Fund, der 32 Meter tief im Berg gelegen hatte, gingen 14 Jahre harte, gefährliche Arbeit voraus. Doch anders als die meisten Strahler konnten die beiden immer an denselben Ort zurückkehren. Denn sie haben am Planggenstock sozusagen eine Mine. Inzwischen stehen auf einem 15 Meter breiten Felsvorsprung ein « Einzimmerhaus » sowie Generatoren für Strom und Presslufthammer. Statt mühseliger Transportmärsche bestellen die beiden Strahler im Frühling den Helikopter. Er fliegt Wasser, Benzin und Gas sowie Essen für die rund dreimonatige Sommersaison hoch, Besucher haben über die Jahre für einen reichhaltigen Weinkeller gesorgt. Die Mine selbst besteht aus einem langen flachen, stabilen Tunnel in den Fels hinein, im hin- teren Teil kann man stellenweise sogar stehen, ein Warmluftgebläse sorgt für konstante zehn Grad. Geschützt vor Regen und Wind, haben es von Känel und von Arx im Vergleich zu ihren Kollegen draussen geradezu gemütlich. Doch die Arbeit selbst bleibt hart: acht Stunden am Tag in den unbequemsten Positionen Steine spalten, Schutt raustragen, hoffen.

Die meisten in der Schweiz gefundenen Mineralien sind sogenannte Zerrkluftmineralien. Bei der Alpenfaltung entstanden durch die Dehnungskräfte Hohlräume im Gestein, die sich zum Teil mit einer heissen Minerallösung füllten. Bei der Hebung dieses Gesteins kühlte die Lösung ab und die Mineralien kristalli- Ihnen gelang der Jahrhundertfund: Paul von Känel putzt vor dem Klufteingang eine der losen Spitzen, während Franz von Arx sie festhält. An die zwei Tonnen Kristalle lagen insgesamt in der Kluft, alle noch ziemlich dreckig.

Die Gebrüder Tresch, die Gisler-Brüder und die Betscharts verbringen Sommer für Sommer nahe der Lochberglücke. Ein Zelt ist dann ihr Zuhause, geduscht wird wieder unten im Tal. Einfacher hat es Marcel Gerig: Der in Göschenen wohnhafte Personalberater läuft seit 25 Jahren im Sommer hangauf, hangab, manchmal auch mit Seil. «Von zehn geöffneten Stellen ergibt eine einen Fund», sagt er und zählt damit schon zu den Glückspilzen. Denn 400 Jahre suchende Strahler haben ihre Spuren hinterlassen: Alle einfach erkennbaren Klüfte sind geleert. Wer heute fündig werden will, muss sein Gebiet sehr gut kennen. «Nicht immer muss man dafür hoch hinaus, auch ein steiler, felsdurchsetzter Wald birgt Schätze», weiss Gerig.

Doch mit dem Auffinden von Kristallen ist es noch nicht getan. Denn nicht wenige Anfänger gehen in der Aufregung zu hastig vor und schlagen die wertvollen Quarzstufen beim Lösen von der Decke oder vom Boden auseinander. Die beiden Profis am Planggenstock brauchten denn auch ganze fünf Tage, nur um die grosse Gruppe die 14 Meter aus der Mine hinaus zu befördern. Zwar hatte sich diese bereits von der Decke gelöst und lag kopfüber auf dem Boden, doch alleine das Heben der Gruppe mithilfe eines ausgeklügelten Flaschenzuges dauerte einen ganzen Tag. Kraft und Fingerspitzengefühl zugleich sind da gefragt.

Während die heutigen Strahler aus Leidenschaft und Liebe zur Natur dem gefährlichen Hobby nachgehen, strahlte noch vor rund fünfzig Jahren fast nur, wem keine andere Einkommensquelle offenstand. Es waren vor allem Bergbauern, die ab dem 16. Jh. strahlten, um ihr mageres Einkommen aufzustocken. Viele der Urner Funde wurden nach Italien in die Schleifereien verkauft, ein unbearbeiteter Kristall galt damals nicht viel. Heute zählt der Sammlerwert, das Unikat. Massgebend sind Grösse, Klarheit sowie eine intakte Spitze und möglichst intakte Kanten.

Über die Jahrhunderte legten Strahler und Wissenschaftler Verzeichnisse von Fundstellen an. Sie sind auch für heutige Schatzsucher zuweilen wichtig, denn « eine Kluft kommt selten allein », so Franz von Arx. Doch draussen in den Bergen, da gilt es nach wie vor, « das Buch der Natur lesen », wie er seine Leidenschaft fürs Strahlen erklärt. Da genügen Strahlstecken, Fäustel, Spitzeisen und Hacke. Denn die eigentliche Kunst besteht darin, sich in zäher Geduld zu üben, die Linien der Felsen, die Farben der Gesteine zu interpretieren. Manchmal weist ein Murmeltier den Weg, oft der Zufall. Kurse gibt es keine, wenn man Glück hat, wird man von erfahrenen Strahlern mitgenommen. « Riechst du die ?», wird ein erfolgreicher Strahler zuweilen gefragt.

« Nicht das Besitzen, das Finden zählt », betont Franz von Arx, «18 Millionen Jahre waren sie im Dunkeln, wir Strahler bringen sie ans Licht.» Kein Wunder sprechen die Kristallsucher von ihren Funden mit Demut und Ehrfurcht. Sie verstehen sich nicht als Diebe, sondern als Bewahrer von Kostbarkeiten, die – der Natur überlassen – zwangsläufig der Erosion zum Opfer fallen würden. Der riesige Fund der beiden Berufsstrahler vom Planggenstock ist denn auch in der alten Kirche gleich vis-à-vis vom Bahnhof Flüelen zu sehen. Die Ausstellung ist verlängert von Anfang Juli bis voraussichtlich Ende September.

Liebhaber von Geröllhalden und Schrofenhängen

Anders als das Duo am Planggenstock bewegen sich die meisten Strahler in den labilen Geröllhalden am Fuss der Granitriesen und Gletscher. Während Kletterer möglichst festes Gestein suchen, kann es den Strahlern nicht brüchig genug sein. Denn da, wo der Stein bricht, gibt er auch etwas frei. Allein im Göscheneralptal sind auf diese Art noch etwa 20 bis 30 Hobbystrahler regelmässig in ihrer Freizeit unterwegs – praktisch alles Männer. 2006 stellte die Korporation Uri 237 Strahlerpatente aus, gerade mal vier Frauen lösten ein Jahrespatent. Für das Strahlen muss man in vielen Gebieten der Schweizer eine Bewilligung lösen. Die Schweizer Strahler sind vereinigt unter www.svsmf.ch, eine unabhängige Seite übers Strahlen ist www.kristalle.ch.

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