Der Berg aus Künstlersicht Bergwelten der Bergmaler

Wie lässt sich ein Berg mit ein paar Pinselstrichen charakterisieren? Ein Bergerlebnis künstlerisch umsetzen? Diesen und ähnlichen Fragen gehen die Mitglieder der Gilde Schweizer Bergmaler in ihrer Auseinandersetzung mit dem Berg nach. Jetzt stellen sie in Dietikon aus.

Es gibt Leute, bei denen kommt das wahre Gipfelerlebnis, das Gefühl, etwas erreicht zu haben, die wohltuende Zufriedenheit beim weiten Blick erst Wochen oder gar Jahre nach der Tour auf. Bei ihnen geht die Auseinandersetzung mit dem Berg zu Hause erst recht weiter. Ihre Werkzeuge sind ihnen lieb, aber es sind keine «friends». Sie hantieren mit Pinsel, Skizzenbüchern, Farben, sie fotografieren und schaffen stundenlang im Atelier.

Die Rede ist von den Mitgliedern der Gilde Schweizer Bergmaler. Sie gehen in die Berge, aber nicht bloss, um Bergluft und Alpenstimmung einzufangen, sie wollen sie künstlerisch wiedergeben – auf ganz verschiedene Art. In der Gilde haben sich über 70 in der Schweiz lebende Bergmalerinnen und Bergmaler zusammengeschlossen (vgl. « Die Alpen» 2/2009). Sie wollen die Tradition der Segantinis, Noldes und Kirchners pflegen und fortsetzen. « Wichtig ist uns, auch die aktuelle Bergmalerei der Öffentlichkeit näherzubringen und präsent zu sein », sagt Gildepräsident Kurt Obrist. Die Aktivitäten der Gilde bestehen aus Jahresausstellungen mit Bildern ihrer Mitglieder, Bergmalkursen und Öffentlichkeitsarbeit. So etwa hat die Gilde beim letztjährigen «Eiger live» eine Leinwand aufgestellt, auf der jeder ein Stück Eigerwand mitgestalten konnte. Mitmachen bei der Gilde kann aber nicht jeder. «Wir wollen nicht elitär sein, aber Qualität liefern und einen ernsthaften kulturellen Beitrag leisten», sagt Obrist. Es sei ein bisschen wie bei den Bergsteigern: Nicht jeder, der sich Steigeisen an die Füsse schnallen kann, schafft es bis auf den Gipfel – dazu braucht es etwas mehr Wissen und Ausdauer.

Die Idee zur Gründung einer Künstlervereinigung kam von der Forschung: Im Rahmen des interdisziplinären UNESCO-Forschungsprogramms «Man and Biosphere (MAB)» wurden in den 1980er-Jahren Studien durchgeführt mit dem Ziel, die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Landnutzung und Natur aufzuzeigen und herauszufinden, wie das Berggebiet langfristig als Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum erhalten werden kann. Professor Georges Grosjean von der Universität Bern sah, dass sich der ästhetische Wert einer Landschaft stark auf ihren ökonomischen Wert und auf das Wohlbefinden der Bevölkerung auswirkte. Davon angeregt, gründete Initiant Gustav Ritschard 1988 in Grindelwald die Gilde Schweizer Bergmaler. Im aktuellen Managementplan des UNESCO-Welterbes Jungfrau-Aletsch wird gar vorgeschlagen, die Gilde auf internationale Ebene auszuweiten und eine «Guild of Alpine Painters» zu gründen. Ziel dabei wäre, das Bewusstsein für die Schönheit des Welterbes und somit der Bergwelt im Allgemeinen zu erhöhen.

Einfach ist das nicht: Denn auch wenn der Schweiss nicht in Strömen rinnt, ist die Auseinandersetzung mit dem Berg bei den Bergmalern intensiv. «Es geht um eine geistig-seelische Verbundenheit mit der Natur des Gebirges», sagt Albert Schmidt aus Engi (GL). Er ist als Bergsteiger zur Bergmalerei gekommen und seit 1993 bei der Gilde. Er ist einer, der schwierigste Routen mit Karabiner und mit Pinsel erobert hat. «Die enge Beziehung vom Menschen zum Berg ist bei der Bergsteigerei und bei der Malerei in ihrer Intensität und oft gar Radikalität vergleichbar. Man setzt seine ganze Existenz und Lebensenergie der Bergnatur aus.» Um auf den Gipfel zu kommen, braucht es in beiden Fällen nicht nur Leidenschaft, sondern auch technisches Können. Ein grosser Unterschied besteht allerdings in der Zeitplanung: Als Bergsteiger denkt Schmidt in Tagen, als Maler spielt die Zeit keine Rolle. Das Bild ist sein Gipfelerlebnis, ihm folgt kein mühseliger Abstieg, sondern der Gang in die Ausstellung.

Aber nicht jeder guter Bergmaler ist auch ein ausgezeichneter Bergsteiger. Jedenfalls bezeichnet sich Peter Young, seit zehn Jahren Ausstellungsleiter der Gilde, eher als Wanderer. Als Engländer ist er durch das Verschlingen von Alpinliteratur während der Schulzeit zum Traum der Berge gekommen. Als Erwachsener kam er beruflich in die Schweiz und so zu den «echten» Bergen. «Da ist meine Seele zu Hause», sagt Young. Seine Bilder malt er im Atelier anhand von Fotografien und erfährt dabei das ursprüngliche Erlebnis noch einmal. Dieses bleibt ihm, auch wenn er das Bild verkauft. An den Ausstellungen der Gilde fasziniert ihn die Vielfalt der Techniken und künstlerischen Umsetzungen des Bergthemas. Auch sei die (historische) Bergmalerei ein wichtiges Zeitdokument, das den Landschaftswandel zeigt. Mit der diesjährigen Ausstellung «Gletscherwelten» in Dietikon (siehe Kasten) will die Gilde denn auch den Klimawandel und seinen Einfluss auf die Gletscherwelt thematisieren.

 

Gletscherwelten

Die Gilde Schweizer Bergmaler möchte mit dem Sonderthema «Gletscherwelten» verschiedenste Aspekte der faszinierenden Eiswelt darstellen und den Klimawandel ins Bewusstsein bringen. An der Ausstellung sind Bilder der Gildemitglieder sowie von Bergmalerinnen und Bergmalern, die für die Mitgliedschaft kandidieren, zu sehen. Die Werke zeigen die ganze Palette künstlerischer Ausdrucksformen: von der gegenständlichen, naturgetreuen Malerei bis zur freien Abstraktion sowie verschiedenste Maltechniken und Materialien.

20. August bis 1. Oktober 2011, geöffnet Montag bis Freitag, 8–12/13–17.30 Uhr sowie Samstag/Sonntag, 10–16 Uhr. Reppisch Hallen, Bergstrasse 23, Dietikon. Mehr Infos zur Ausstellung und zur Gilde unter www.gsbm.ch.

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