Der Fall der Haftfelle Die ersten Haftfelle kamen aus Glarus

Einen Schritt vorwärts, und keinen Zentimeter zurück, so sollte es auch beim Aufstieg mit Ski funktionieren. Doch das war lange nicht der Fall. Die Chancen auf kraftsparendes Vorwärtskommen am Berg sind aber seit 40 Jahren ständig gestiegen. 1968 wurden in Glarus die ersten selbsthaftenden Skifelle vorgestellt.

Wie kann das Zurückrutschen der Ski beim Aufstieg verhindert werden? Diese Frage beschäftigte unzählige Berg- und Sportbegeisterte, seit Konrad Wild aus dem glarnerischen Mitlödi ein Jahrhundert früher, 1868, die ersten Ski von Norwegen in die Schweiz importiert hatte (vgl. auch ALPEN 12/08). Zu Beginn wurden – aus heutiger Sicht – auch abenteuerliche Lösungen gefunden. Als Steighilfen banden die Skitourengänger zum Beispiel Tannenäste unter die Ski.

Einige wickelten Schnüre um den Ski, und andere experimentierten in der Schweiz sogar mit Teppichresten. Die Skandinavier befestigten derweil bereits Tierfelle unter die schmalen Latten. Anfang des letzten Jahrhunderts sorgten vorübergehend auch die hervorragenden Gleit- und Steigeigenschaften von Seehundfellen für Furore. Geblieben von den Errungenschaften aus dem hohen Norden ist aber nur der Name «Fell». Um 1930 schliesslich kam die Zeit der gewobenen Kunstfelle. Dafür verwendeten die Hersteller zu Beginn Plüsch aus England. Als Rohmaterial diente die kostbare Wollfaser der im Orient, in Südafrika und Texas beheimateten Mohairziege. Trotz ausgereiften synthetischen Materialien hat sich diese Faser bis heute bewährt. Auch im 21. Jahrhundert besteht das «Fell» mindestens zum Teil noch aus Fasern der Mohairwolle. Bei der komplizierten Fellkon-struktion allerdings werden heute Mischgewebe verwendet.

Auch die Art und Weise der Montage hat in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts viele Tüftler auf den Plan gerufen. Das Schnallfell mit einer Gurtschlaufe an der Spitze und hinten sowie zwei quer zum Fell und über den Ski verlaufenden Gurten war zwar lange im Einsatz. Diese Entwicklung hat sich aber ebenso wenig gehalten wie das in einer Innenrille der früheren Ski fixierbare Trima-Fell. Dieses verdankt seine Bekanntheit der Einführung in der Armee und dem Gebrauch während des Aktivdienstes im Zweiten Weltkrieg. Zwei weitere Spannmethoden – das Vinersa-Fell und das Favorit-Fell erleichterten schliesslich in den 60er-Jahren den Skiaufstieg unzähliger Alpinisten. Die Hoffnung auf eine zuverlässige Aufstiegshilfe, die kompakt mit dem Ski verbunden und einfach wieder abgelöst werden kann, blieb aber noch länger ein Traum. An die ersten Klebefelle, die bereits in den 30er-Jahren mit Klebwachs (Klister) auf die Ski geklebt wurden, erinnern sich auch noch manche, vor allem auch an den Ärger über die hartnäckigen und klebrigen Rückstände an Ski und Händen.

Hans Fischli, der 1948 die Tödi Sport AG gründete und sich der Herstellung von Rucksäcken, Skistöcken und Skifellen widmete, wollte sich mit der unbefriedigenden Situation nicht arrangieren. «Es ärgerte ihn enorm, dass mit den damals gängigen Aufstiegsfellen regelmässig Schnee zwischen die Ski und die Felle gelangte und gegen das seitliche Abrutschen am Hang kein Kraut gewachsen zu sein schien», blickt der heutige Geschäftsführer Werner Fischli zurück. Sein Vater habe alle Energie in die Weiterentwicklung der Skifelle gesteckt und damit die Basis für grosse Entwicklungsschritte gelegt. Die Revolution der Skifelle ereignete sich dann wie erwähnt 1968. Hans Fischli präsentierte das erste selbsthaftende Fell der Colltex-Serie. Es folgten weitere Entwicklungs-schritte, etliche davon bemerkten die Tourenläufer kaum. Beispielsweise ersetzte die Tödi Sport AG den früher aus organischem Lösungsmittelkleber bestehenden Haftleim vor rund 20 Jahren durch ökologisch unbedenklicheren Heisskleber. Mit der neuesten Kleberge-neration der CT-40-Felle soll ab diesem Winter die Funktionsfähigkeit der Felle bis zu einer Temperatur von –50 Grad Celsius ausgeweitet werden. Der neue Kleber fühlt sich vor dem Aufziehen auf die Ski nicht stark haftend an. Nach kurzem Anreiben und anschliessender Belastung beim Gehen richten sich die Moleküle nach einem bestimmten Muster aus, und die Haftung sollte sehr stark sein. 

«Die Leimtechnologie fordert seit Jahrzehnten alle Produzenten», erklärt Martin Poletti. Er ist Geschäftsführer der Montana Sport AG in Stans, die in der Schweiz einen Marktanteil von rund 20% bei den Skitourenfellen besitzt. Der neu entwickelte CT-40-Kleber von Konkurrent und Marktleader Colltex sei Ansporn und Verpflichtung zugleich, bei der Weiterentwicklung der Montana-Felle die Hände nicht in den Schoss zu legen. Die Tödi Sport AG liegt aber nicht nur national an der Spitze: Weltweit kommen gemäss eigenen Angaben 60% aller verkauften Haftfelle aus der Colltex-Produktion. 40 Jahre nach ihrer Erfindung können die Glarner Zehntausende von Haftfellen pro Jahr ausliefern.

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