Der grüne SAC?

Gedanken beim Wechsel des Kom-missionspräsidiums Franz Neff, seit 1984 Mitglied der SAC-Kommission «Schutz der Gebirgswelt» und seit 1992 deren Präsident, tritt auf Ende Jahr zu-rück.1 Zusammen mit Jürg Meyer, dem SAC-Beauftragten für den Schutz der Gebirgswelt, macht er sich Gedanken über das heutige und zukünftige Umwelt-Engage-ment des SAC.

Jürg Meyer (JM): Als der SAC-Be-auftragte für den Schutz der Gebirgswelt, Toni Labhart, bei seinem Rücktritt 1996 das Engagement unseres Clubs in Sachen Umweltverhalten beurteilte, fiel das Resultat ernüchternd aus.2 Er machte damals Vorschläge, wie der Bereich «Schutz der Gebirgswelt» verstärkt werden könnte.3 Dass davon einiges umgesetzt worden ist, zeigt der Titel eines kürzlich erschienenen Tagesanzeiger-Artikels «Traditionsverein entwickelt grüne Power».4 Auf Grund der Mitgliederumfrage von 19975 wissen wir, dass der Schutz der Gebirgswelt für eine Mehrheit unseres Clubs ein wichtiges Anliegen ist und dass die Mitglieder dazu vom Zentralverband Taten erwarten.

Franz Neff (FN): Ich habe den Eindruck, dass unsere Mitglieder - sowie die Gesellschaft - allgemein einen bewussteren Umgang mit Natur, Landschaft und Umwelt entwickelt haben. Von den Problemen der globalen Erwärmung, der Verschmut-zungen, des Artenschwundes, der Lärmimmissionen ist jeder mehr oder weniger betroffen. Gleichzeitig haben wir aber heute neue Rechtswerke zur Raumplanung oder zur Umwelt (Boden, Gewässer, Luft, Lärm usw.), die Lösungsansätze zu diesen Problemen bieten. Ihre Umsetzung und konsequente Anwendung zu unterstützen ist auch Aufgabe des SAC.6 Die Aktivitäten unserer Clubmitglieder bewegen sich im sensiblen alpinen Raum, weshalb der SAC an dessen Zukunftsgestaltung verstärkt mitwirken und auch neue Aufgaben übernehmen muss. Ich könnte mir vorstellen, dass der SAC ein Beobach-tungs- und Kontrollsystem der Veränderungen im alpinen Raum in Bezug auf Landschafts- und Natureingriffe, Umweltbelastungen, Siedlungsent-wicklung und Verkehr initiiert und die Erhebungen durch seine Mitglieder sichert.

JM: Auf diese immer wieder gestellte Frage gibts für mich nur eine klare Antwort: Der SAC ist beides -auch wenn die Förderung des Bergsports sicher an erster Stelle steht. Daran lässt nicht nur das Leitbild von 1995 keinen Zweifel, sondern auch der Umstand, dass der SAC seit langem als beschwerde- und vernehmlassungsberechtigte Organisation im Bereich Natur- und Umweltschutz offiziell anerkannt und vom BUWAL finanziell unterstützt wird. Dieser Auftrag ist genauso Verpflichtung wie die Mitgliedschaft beim olympischen Verband. Diese in der Schweiz beinahe einmalige Konstellation in der Praxis überzeugend zu leben, ist jedoch nicht einfach. Der Zwang zum Kompromiss ist eingebaut - bei Konflikt-fällen oder Verhandlungen nicht immer die beste Voraussetzung. Jüngste Beispiele sind etwa die Problemkreise freier Zugang versus Naturschutz, neue Gross-Schutzgebiete oder Tourismuspolitik.

Persönlich betrachte ich die Doppelstellung von Nutz- und Schutzver-band als grosse Herausforderung für den SAC: das Prinzip der Nachhaltigkeit gemäss Rio 92 in die Praxis umsetzen; nicht einfach nur nehmen und nutzen, sondern auch den Aspekten Natur, Ökologie und Umwelt Rechnung tragen. Dies erfordert die ständige Bereitschaft zur kritischen Selbstüberprüfung - und hie und da auch zum Verzicht.

FN: Der SAC war immer «vielgesichtig»: Einen Überhang klettern, aufmerksam auf einem Stein hockend ins Bergbachwasser schauen oder konzentriert Steinböcke beobachten sind wesensverwandte Tätigkeiten. Körperliche und geistige Ertüchtigung sind gefragt, und darauf sind unsere Ausbildung und unser Angebot ausgerichtet.

FN: Unsere Mitverantwortung für jeden Lebensraum ist gefragt. Wir sind stolz auf die lange Geschichte unseres Clubs mit seinen Bergfahrten und den Erfolgen in der Senkrechten. Seien wir auch stolz auf die Einsätze des SAC für Natur und Landschaft wie die Erarbeitung des KLN-Inven-tars7 oder das Engagement gegen Grossprojekte wie Grimsel West oder die Rosenhornbahn! Damit hat der SAC mitgeholfen, Landschaften und Naturräume zu bewahren. Da die Schweiz heute in Bezug auf Natur-und Landschaftsschutz im internationalen Vergleich8 weit abgeschlagen ist, sollte der SAC umso mehr Projekte zur Errichtung von Naturparks, nutzungsfreien Gebieten oder sied-lungsnahen Natur-Erlebnisräumen unterstützen.9 Und dass für uns als SACIer die Natur und Landschaft vor der Haustür beginnt und nicht erst in den Bergen, sollte eine Selbstverständlichkeit werden.

JM: Wir haben uns in den letzten Jahren auf unser eigenes Umweltpro-fil fokussiert, um gemäss Leitbild die Umwelt- und Naturverträglichkeit beim Bergsport umfassend zu steigern und den Naturbezug unserer Mitglieder zu verstärken. Stichworte dazu sind Förderung einer naturschonenden Ausübung aller Bergsportarten, clubinterne Information und Aufklärung, Mobilität und Hüttenökologie.

FN: Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir nicht nur Nabelschau betreiben. Wir sollen dieses Thema breit und ganzheitlich angehen und dabei als SAC unsere Aufgaben und Mitver-antwortung10 in der Gesellschaft wahrnehmen. Ein Beispiel dazu aus dem 19. Jahrhundert: Damals lösten massive Entwaldungen im alpin-vor-alpinen Bereich in unserem Land grosse Murgänge und Überschwemmungen aus und führten - gegen den Willen der Bergkantone - zum strikten Forstgesetz von 1902 mit seinem generellen Rodungsverbot.11 Heute zeichnet sich etwas Ähnliches ab. Auf Grund veränderter Klimabedingungen sind die Gletscher auf dem Rückzug. Dabei werden Landschaftsformen, aber auch Begehungs-schwierigkeiten und damit die Gefahren des Hochgebirges massiv beeinflusst. Gleichzeitig treten vermehrt extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen auf, die für die lokale Bevölkerung und die gesamte Volkswirtschaft einschneidende Folgen haben. Bei der Suche nach Lösungen dieser Probleme, die nur auf gesellschaftlicher und politischer Ebene angegangen werden können, darf sich der SAC einer Mitwirkung nicht entziehen.

JM: Zentral- und Gesamtverband müssen ihr Engagement für Natur und Landschaft immer wieder reflektieren und definieren. Die angefangene Phase der SAC-internen Schwerpunktsetzung sollte weitergeführt und konsolidiert werden. Da viele der aufgegleisten Projekte gegen aussen Vorbild- und Signalwirkung haben, bin ich überzeugt, dass wir damit eine gesellschaftlich und politisch relevante Wirkung erzielen können.

FN: Das Ressort und seine Aufgaben sollten auf allen Ebenen des SAC noch ernster genommen und das Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber dem Lebensraum verstärkt werden. Das kontemplative Naturerlebnis hat leider ein eher verstaubtes und veraltetes Image. Trotzdem wünsche ich uns allen mehr tiefes Erleben, Verweilen und Staunen; Bergwallfahrten anstatt schnelle Ein-tagesbergfahrten; Begegnung mit der Schöpfung, meditativ, langsam, bereichernd.

Der Kommission und meiner Nachfolgerin im Amt als Kommissionspräsidentin, Monika Frehner, wünsche ich vor allem Beharrlichkeit und Mut.

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