Der Vulkan Stromboli

Wissenschaft und Bergwelt Scienza e mondo alpino Science et montagne

Jürg Alean und Roberto Carniel1

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Stürmischer Empfang

So haben wir den Vulkan Stromboli noch nie erlebt: Auf den letzten paar Metern zum Gipfel schleudert uns der Sturm die Vulkanasche mit solcher Gewalt ins Gesicht, dass es schmerzt wie Nadelstiche. Bei vielleicht hundert Stundenkilometern Windgeschwindigkeit kann ich mich kaum mehr aufrecht halten. Mit Sand in den Augen versuche ich schnell, ein paar Aufnahmen der Krater zu machen, dann blasen wir zum Rückzug.

Das Wetter macht uns im April 1996 ordentlich zu schaffen: Ein stationäres Tief über dem westlichen Mittelmeer bringt abwechselnd Regen, dann wieder Sonne, vor allem aber den Scirocco, den warmen Sturmwind aus der Sahara. Heute haben wir kurz vor unserem Blitzbesuch des Gipfels und trotz des lästigen Windes versucht, die Solarzellen unserer seismischen Station zu justieren und zu reinigen. Doch selbst die Engelsgeduld und starken Nerven von Franco Iacop, unserem Techniker, vermögen schliesslich nichts mehr auszurichten: Die

1 Adressen der Autoren: Dr. Jürg Alean, Rheinstrasse 6. 8193 Eglisau, und Dr.. " " .Roberto Carniel, Via Resistenza, 1-33034 Fagagna, Italien päfaeg

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Sturmböen machen ein Arbeiten an den Geräten schlichtweg unmöglich.

Drei Tage später: Windstille, tiefblauer Himmel und Ausbrüche alle paar Minuten. Wir setzen die Arbeiten unter idealen Bedingungen fort und sind im siebten Himmel der Vulkanologen. Derweil schauen ein paar Touristen vom Trampelpfad der Aufstiegsroute zu uns hinüber, sich wohl wundernd, was drei Gestalten mit Schneeschaufel und Lötapparat, Kamera und Autobatterien in der Nordostflanke des Stromboli zu suchen haben.

Ein verlässlicher Vulkan

Nirgendwo sonst auf der Welt wurde seit Jahrtausenden beobachtet, dass ein Vulkan fast ununterbrochen tätig ist. Den alten Griechen diente er auf ihren Fahrten über das Mittelmeer als natürlicher Leuchtturm, in der Gegenwart fungiert er als Magnet für Tausende und Abertausende von Touristen.

Stromboli ist die nordöstlichste der Äolischen oder Liparischen Inseln, einer vulkanischen Insel-

Die Äolischen Inseln liegen vor der Nordküste Siziliens, Stromboli ist die nordwestlichste Insel des Archipels. In historischer Zeit war auch noch Vulcano aktiv ( grosse Eruptionen 1888 bis 1890 ).

Abb.1 Der Vulkan Stromboli: Eine normale Eruption, wie sie auf Stromboli normalerweise ein paarmal pro Stunde auftritt: Lavafetzen werden etwa 200 m hoch ausgeschleudert, fallen nieder und gleiten zum Teil auf der Sciara del Fuoco gegen das Meer hinunter. Diese Aufnahme entstand bei Mondlicht ( Oktober 1986 ). Alle Aufnahmen von Eruptionen wurden auf Diafil-men der Marke Kodachrome 64 belichtet ( Blenden zwischen 2.8 und 1.8 ).

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gruppe zwischen Sizilien und dem Südteil der Apenninenhalbinsel ( vgl. Fig. 1 ). Die Entfernung zur italienischen Festlandküste beträgt 54 km, bis Neapel sind es 240 km und bis Sizilien 55 km. Täglich ist die Insel mehrmals mit Tragflügelbooten ( Aliscafi ) aus Milazzo erreichbar, zweimal pro Woche mit dem Schiff aus Neapel.

Während die ganzjährig ansässige Inselbevölkerung seit Ende des letzten Jahrhunderts von 2700 auf heute etwa 360 zurückging, stieg der Besucherstrom in den letzten Jahren besonders im Hochsommer auf fast unerträgliche Werte. Italienische Feriengäste bevölkern dann den vulkanisch schwarzen Sandstrand zu Tausenden, während im Frühjahr und Herbst Deutsche und Schweizer den Ton angeben.

Im Juli und August lotsen die Bergführer spätnachmittags trotz Bruthitze und etwas mehr als 900 Höhenmetern mehrere Touristengruppen bis zum Gipfel, während Unerschrockene dem Vulkan auf eigene Faust ( und dies eigentlich illegal ) zu Leibe rücken. Über 400 Personen finden sich manchmal auf dem Pizzo ein, um beim Einnachten dem schauerlich-schönen Naturschauspiel beizuwohnen.

Aus mehreren Kratern - einzelne davon sind mit mehreren Schlotöffnungen bestückt -jagen je nach Stärke der Aktivität alle paar Minuten bis einige Male pro Stunde Fontänen rotglühender Schlacken und Lapilli himmelwärts, die gelegentlich bis dreihundert Meter hoch sind ( vgl. Abb. 1, 9a-d, 10 und 13 ). Einzelne Schlote tun dies überraschend und explosiv, andere künden es durch längerdauerndes Fauchen und Dröhnen austretender Gase an.

Der Seismometer registriert praktisch jeden dieser Ausbrüche, den das Dipartimento Georisorse e Territorio der Universität von Udine an diskreter Stelle, aber nahe des Gipfels installiert hat ( vgl. Abb. 6 ). Die Messungen der Bodenerschütterungen werden als ununterbrochener Datenstrom mittels Kurzwellenfunk zu einem Computer übertragen, der im Büro der Bergführer nahe der Kirche im Dorfteil San Vincenzo untergebracht ist ( Abb. 5 ). Jahrein, jahraus ergibt dies beeindruckende Zahlen: 1992 beispielsweise registrierte die Station 46421 « Ereignisse » ( mehr dazu unten ), 1993 sogar deren 65 631, 1994 fast gleichviel und 1995 mit 49 566 etwas weniger.

Der Vulkan Stromboli fördert basaltische Lava. Ein verhältnismässig geringer Quarzgehalt des Magmas und andere Faktoren bewirken die weltweit einmalige « Zuverlässigkeit » des Vulkans: Zwar jagen die aus dem aufsteigenden Magma ausperlen-den Gase die Lavafetzen alle paar Minuten explosionsartig aus den Schloten ( Schulbuchvergleich: Öffnen der Champagnerflasche ). Aber das Magma ist dünnflüssig und sein Zustrom langsam genug, so dass die Entgasung meist mehr oder weniger harmlos erfolgt. So kommt es, anders als bei vielen anderen Vulkanen, selten zu gewaltigen und zerstörerischen Eruptionen.

Beissend ätzendes Gas, neblig kondensierende Feuchtigkeit und vom Himmel rieselnde Asche sind zwar Beigaben, die einen Aufenthalt auf dem Gipfel zu einem eindrucksvollen Erlebnis aller Sinne machen. Von tränenden Augen und Hustenanfällen einmal abgesehen, erleben aber die meisten Gipfelstürmer Stromboli als im Grunde genommen harmlosen Vulkan. Das ist nicht immer so:

Fig. 2 Einfache Kartenskizze der Insel Sfromboli. Sie besteht im wesentlichen nur aus einem Vulkankegel und den beiden etwas flacheren Zonen, auf denen das Dorf Sfromboli ( mit den Teilen San Vincenzo und San Bartolo ) sowie die winzige Ortschaft Ginostra errichtet wurden. Im letzten Jahrhundert wohnten auch noch einige Familien auf Punta Lena. Die gebräuchliche Aufstiegsroute zu den Kratern führt vorbei an der Punta Labronzo zu Punkt 865 m ( der von San Vincenzo aus sichtbare, vermeintliche Gipfel ) zum Pizzo ( 918 m ). Der höchste Punkt ( 924 m ) befindet sich aber im Vancori-Grat, einem Calderarand des « Ur-Strom-boli ». Der schnelle Abstieg über die Aschenhalde der Rina Grande nach San Vincenzo sollte nur bei Tag oder von Ortskundigen gewählt werden, da man abseits des richtigen Weges in abschüssiges Gelände geraten kann.

Stromboli hat gesprochen

In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1993 müssen wir tief geschlafen haben. Jedenfalls stellen wir erst am Morgen fest, dass etwas nicht in Ordnung ist: Im Hotel Villaggio Stromboli ist das Personal damit beschäftigt, Asche von den Gartenmöbeln zu wischen. Es sei fürchterlich gewesen in der Nacht, und ob wir denn keine Angst gehabt hätten? Der Stromboli habe gesprochen, meint Nino, und auf dem Berg habe es einen Unfall gegeben, aber jetzt sei das Schlimmste wohl überstanden.

Später stellen wir fest, dass die seismische Station um 1.10 Uhr Weltzeit durch eine ungewöhnlich heftige Eruption so durchgeschüttelt wurde, dass die dafür vorgesehenen Sicherungen das Gerät für eine Minute aus dem Verkehr zogen, um elektronische Schäden zu verhindern. Anschliessend

Abb. 2 Die Insel Stromboli kurz vor Sonnenaufgang von Norden. Rechts im Vordergrund steht der stark erodierte Vulkanschlot « Strombolicchio ». Seine Lava ist wesentlich älter als diejenige des Stromboli! Diesen Anblick geniessen Reisende, die von Neapel mit dem Schiff nach Stromboli fahren, ein paar Minuten vor der Ankunft.

A115 m Pta. Labronzo

Stromboli

San Bartolo San Vincenzo Pta. Lena

1 km

vibrierte der Berg noch mehrere Minuten lang weiter, bis er allmählich wieder zur Ruhe kam ( vgl. Fig. 5 B ). Die normalen Ausbrüche hatten zudem ganz aufgehört. Die Sache ist uns ziemlich unheimlich. Ob sich nun Schlimmeres anbahnt?

Zunächst wagen wir nicht, zum Gipfel hinaufzusteigen, zumal sich auch die Einheimischen besorgt zeigen. Später gewinnt die Neugierde die Oberhand, und wir gehen nachschauen. Auf dem Pizzo bietet sich ein erschreckendes Bild ( vgl. Abb. 8 ): Dort wo wir schon manche Nacht verbracht haben, liegen metergrosse, erstarrte Lavafladen ( sogenannte Schweissschlacken ) zu Dutzenden herum. Einer ist gar mit Daunen eines zerrissenen Schlafsackes und geschmolzenen Schaumgummiresten verklebt. Eine Person erlitt Verbrennungen, konnte jedoch absteigen und wurde anschliessend ins Spital der Insel Lipari gebracht. Wie durch ein Wunder kam sonst niemand zu Schaden.

Bis in 600 Meter Distanz von den Kratern finden wir noch zahlreiche Einschläge ( die Schlacken auf

Abb. 3 Die lebensfeindliche Nordwestflanke des Vulkans, die Sciara del Fuoco: Hier kollern laufend die von den Kratern ausgeworfenen Lavablöcke ins Meer, und manchmal ereignen sich hier auch Lavaströme. Ein besonders grosser trat 1985/86 aus und erreichte für einige Tage lang das Meer. Er ist hier als dunkle, gegen den Beobachter gerichtete Zunge erkennbar.

Abb. 5 Im Büro der Bergführer nahe dem Kirchplatz von San Vincenzo befindet sich unser Computer, der die per Funk vom Gipfel übermittelten Daten aufzeichnet. Im Bild muss er gerade eine Totalreinigung über sich

dem Gipfel sind übrigens heute nicht mehr zu sehen, da sie für den Bau eines Helikopterlande-platzes im Frühjahr 1996 zusammengelesen und abtransportiert wurden ).

Harmlos ist der Stromboli ganz offensichtlich auch heutzutage nicht, selbst wenn der letzte tödliche Unfall bereits einige Zeit zurückliegt: Am 25. Juni 1986 kam ein spanischer Biologe ums Leben, der versucht hatte, direkt in einen der Krater abzusteigen. Er wurde von einem gewöhnlichen Ausbruch überrascht, versuchte, sich in Deckung zu bringen, stürzte aber und wurde von einer Bombe tödlich getroffen.

ergehen lassen. Bei schlechtem Wetter vertreiben wir uns hier gerne die Zeit damit, auf dem Bildschirm die Seismogramme der gerade ablaufenden Ausbrüche mitzuverfolgen.

Abb. 4 Ganz anders präsentiert sich die liebliche Nordostseite der Insel, wo sich die Hauptsiedlung der Insel befindet. Nur in ganz seltenen Fällen gab es hier Schäden oder gar Todesopfer durch den Vulkan.

Grosse Ausbrüche

Alteingesessenen Strombolianern würde es gar nicht erst einfallen, auf den Vulkan hinaufzusteigen. Manche Einwohner waren noch nie auf dem Gipfel. Zu stark ist das Unheil der ersten drei Jahrzehnte unseres Jahrhunderts in ihrer kollektiven Erinnerung verankert.

In diesen Zeitraum fallen die bisher folgenschwersten bekannten Eruptionen: 1907 und 1912 fällt Asche des Stromboli sogar noch in Kalabrien und Sizilien vom Himmel. Am 22.. " " .Mai 1919 prallen mächtige Blöcke auf Ginostra, das winzige Dorf im

Eruptionen und Tremorin-tensität des Stromboli vom Mai 1992 bis November 1994 gemessen durch die seismische Station.

- Blau: tägliche Anzahl der « Ereignisse » ( Ausbrüche, es gilt die Skala links ). Wo blaue Säulen fehlen, gab es Messunterbrüche. Dies geschieht im Winter, wenn bei schlechtem Wetter die Stromversorgung durch die Solarzellen ungenügend ist.

- Schwarze Säulen: sogenannte « sättigende Ereignisse » ( besonders starke, die den Seismometer über-steuern; Skala links ).

- Rote Linie: Intensität des Tremors ( willkürliche Skala rechts ), tägliches Mittel aus stündlichen, eine Minute dauernden Messungen. Das Datum 16. Oktober 1993 markiert den heftigsten Ausbruch dieses Zeitraumes. Er folgte auf eine Periode massiger Aus-bruchsaktivität und abnehmender Tremorintensität.

Wissenschaft und Bergwelt Abb. 7 Wartungsarbeiten im April 1996 an den Solarzellen, die die seismische Station bereits 10 Jahre lang weitgehend problem-frei mit Strom versorgt haben. Der Tiefblick geht auf das Dorf Stromboli; links Roberto Carniel, rechts Franco lacop.

Westen der Insel, und auf die grössere Ortschaft Stromboli im Nordosten. Dabei werden vier Personen getötet und weitere verletzt. Am 11. September 1930 erfolgt eine gewaltige Eruption, die eine Glutlawine auslöst: Heisse Asche hatte sich in immer grösseren Mengen auf den steilen Bergflanken angehäuft, verlor den Halt und raste talwärts. Sie durchquerte den Dorfteil San Bartolo ( vgl. Abb. 2 ganz rechts ), wo sechs Personen ums Leben kamen. In diese Zeit fällt die Periode starker Abwanderung der Inselbewohner. Während Stromboli 1891 noch 2716 Einwohner zählte, sank die Zahl in den zwanziger und dreissiger Jahren sehr schnell und stabilisierte sich erst ab etwa 1970 ( seither rund 360 ). Häuser wurden auch 1941 und 1943 zerstört, aber die Schäden waren doch nie so gross, dass die Bevölkerung die Insel aufgegeben hätte. Phasen verstärkter Aktivität des Vulkans gab es auch seither mehrmals. Sie äusserten sich dadurch, dass nach grösseren Explosionen Lavaströme über die sogenannte « Sciara del Fuoco » ( Feuerrutsche, die steile und gefährliche Nordwestseite der Insel, vgl. Abb. 3 ) gegen das Meer hinunterflössen. Besonders spektakulär war diese Aktivität vom Dezember 1985 bis zum April 1986. Uns stellt sich die Frage, ob sich ungewöhnliche Ereignisse wohl voraussagen lassen?

Abb. 6 Unser Seismometer nahe des Gipfels: Man erkennt die drei zylinderförmigen Sensoren, die die Bodenerschütterungen in drei Raumdimensionen registrieren. Normalerweise ist der kastenförmige Stahlbehäl-ter hermetisch abgedichtet und unter Lavaschutt vergraben. Der kleine Spiegel dient zum Ablesen von schwer zugänglichen Anzeigen.

Abb. 8 Bei der heftigen Explosion vom 16. Oktober 1993 wurden zahlreiche grosse Schweissschlacken bis zum Pizzo geschleudert, wo sich im Sommer und Herbst in vielen Nächten bis weit über hundert Personen aufhalten. Die abgebildete Schlacke verletzte eine Person und zerstörte Camping-utensilien. Obwohl dies viele Besucher tun, sollte man nicht auf dem Gipfel schlafen, um bei plötzlichen Ereignissen nicht überrascht zu werden.

Seismische Untersuchungen

Unter anderem diesem Problem ist unsere bereits erwähnte seismische Station gewidmet. Zunächst geht es um reine Grundlagenforschung: Wie funktioniert der Vulkan? Gibt es Gesetzmässigkeiten, Wiederholungen der Ereignisse? Trotz guter Erreichbarkeit und idealer Arbeitsbedingungen ( wo sonst kann man so nahe an aktiven Kratern weitgehend ohne Gefahr Instrumente installieren ?) ist wenig über den Mechanismus des Stromboli bekannt und schon gar nicht ein Modell vorhanden, mit dem man ausserordentliche Entwicklungen prognostizieren könnte.

Der Seismometer erkennt zunächst jedes « Ereignis », also jede verstärkte Bodenbewegung, die im allgemeinen durch einen Ausbruch verursacht wird. Dazu muss die Software des Gerätes erkennen, ob die Schwingungen einen minimalen Wert überschritten haben. Falls dies geschieht, werden diejenigen 60 Sekunden Messdaten, während denen das Ereignis eintrat, im Computer in San Vincenzo gespeichert. Manchmal ereignen sich in einer einzigen Minute sogar mehrere Ausbrüche ( vgl. Fig. 5 A ).

Wissenschaft und Bergwelt c a a.

Über die Monate hinweg ergibt sich so ein Bild der doch erheblichen Aktivitätsschwankungen des Vulkans ( vgl. Fig. 3 ): So gab es im Frühling 1993, im Spätsommer 1994 und neuerdings wieder von April bis August 1996 bis über 500 Ereignisse pro Tag ( also durchschnittlich eines alle zwei bis drei Minuten ), während es nach der ungewöhnlichen Explosion vom 16. Oktober 1993 mit wenigen Dutzend Ereignissen pro Tag geradezu unheimlich ruhig war.

Besucher des Vulkans Stromboli sollten wissen, dass es bisher niemandem gelungen ist, irgendeine Regelmässigkeit in der Abfolge der Ausbrüche festzustellen. Das Verhalten der einzelnen Schlote ist und bleibt unberechenbar: Nach einer Eruption kann ohne weiteres eine Stunde lang nichts passieren, es kann aber auch nur wenige Sekunden danach eine weitere folgen. Es ist also fatal zu meinen, nach einem Ausbruch habe man eine gewisse Schonfrist, um sich den Öffnungen nähern zu können.

Auch die Ausbruchsrichtungen können unverhofft wechseln: 1993 erlebten wir, wie einer der Krater stundenlang nach rechts Schoss, wonach die Schussrichtung plötzlich und ohne jede Vorwarnung auf die entgegengesetzte Seite wechselte.

Obwohl viele Touristen immer wieder das Gegenteil annehmen: Es gibt keine « sichere Seite » an einem Strombolikrater.

Die letzten gefährlichen Ausbrüche, die sich bis zum Zeitpunkt des Verfassens des vorliegenden Beitrages ereignet hatten, waren jene vom 1. Juni 1996 und vom 4. September 1996. Bei beiden Ereignissen wurden einige Personen leicht verletzt, allerdings mehrheitlich nicht durch fallende Schlacken, sondern weil sie auf der Flucht vor der überraschenden Explosion stürzten.

Der Tremor

Die seismische Station macht noch mehr als lediglich die Ausbrüche zu registrieren. Einmal pro Stunde zeichnet sie eine Minute lang die leichten Vibrationen des Vulkans auf, die zwischen den Eruptionen immer mehr oder weniger stark anhalten. Wir nennen dieses Phänomen « Tremor » ( vgl. Fig. 5 C ). Es hängt zweifellos mit den Magmabewe-gungen und dem Entgasen in den Schloten zusammen. Sollte sich während der Messung des Tremors ein Ausbruch ereignen, erkennt dies die Station, verwirft die Tremormessung und versucht anschliessend eine neue.

Übrigens werden seit 1992 die Schwingungen in drei Raumdimensionen registriert, und zwar in Richtung zu den Kratern sowie vertikal und tangential dazu.

Bemerkenswert ist nun, dass sich die Intensität des Tremors nach Phasen verstärkter Aktivität des Vulkans drastisch verändert ( vgl. Fig. 3 ). 1993 geschah dies dreimal, und zwar im Februar und Oktober in Zusammenhang mit je einer heftigen Eruption sowie im Mai bei einer massiven Häufung der normalen, kleinen Ausbrüche, wobei allerdings auch noch ein kleiner Lavastrom austrat.

In jedem der drei Fälle fiel der Tremor nach dem Ereignis auf ungewöhnlich tiefe Werte. Dies ist selbstverständlich im Zusammenhang mit der Dynamik des Vulkans ausserordentlich interessant. Da sich der Effekt aber nachher einstellt, ist er für Prognosezwecke wertlos.

Die Analyse der Intensität des Tremors vor den Ereignissen ergab in Hinsicht auf Voraussagemög-

Abb.9a-d Typischer Ablauf eines Ausbruchs des Stromboli ( September 1985 ):

Glühende Schlacken werden explosionsartig aus einem Schlot herausgeschleudert ( Abb.a ), innerhalb weniger Sekunden steigert sich der Ausbruch zum Höhepunkt ( Abb.b ), lässt darauf langsam nach, während die Schlacken auf den Kraterrand und die Sciara del Fuoco fallen ( Abb.c ) und dann hangabwärts rutschen und verglühen ( Abb.d ).

lichkeiten ein wenig ermutigendes Resultat: Im Februar war sie vor dem grossen Ausbruch weitgehend stabil, im Mai zunehmend und im Oktober sogar abnehmend. Wir kommen zum Schluss, dass die Tremorintensität ( und übrigens auch die Anzahl der normalen Eruptionen ) uns nicht erlaubt, grössere Ereignisse vorauszusagen.

Abb.d Wissenschaft und Bergwelt Fig. 4 Spektrale Verteilung des Tremors des Stromboli von CT Februar ( unten ) bis Novem-- ber 1993 ( oben ). Rot steht S für stärkere, blau für schwä-c chere Spektralanteile. Links a. sind die kleinen Frequenzenlangsame Schwingungen ), o rechts die höheren ( schnel-û lere Schwingungen ). Nachden aussergewöhnlichen Explosionen vom

Langsame und schnellere Schwingungen

Wir sind also gezwungen, nach anderen Signalen zu suchen, wenn wir Voraussagen machen wollen. Eines davon ist die spektrale Zusammensetzung des Tremors. Man kann sich vorstellen, dass sich die Vibrationen im Vulkan aus einer praktisch unendlichen Vielzahl verschiedenster Frequenzen zusammensetzen, also kleinen ( entsprechend langsamen Schwingungen im Gestein ) und grossen ( raschen Schwingungen ).

Mit Hilfe mathematischer Methoden ist es möglich, dieses Durcheinander von Schwingungsfre-quenzen zu entwirren. Wir können nun eine Verteilung der verschiedenen Frequenzanteile zeichnen. Interessant ist nun, dass vor allen drei grossen Ereignissen des Jahres 1993 der Anteil der tiefen Frequenzen langsam, aber deutlich zunahm ( vgl. Fig. 4 ).

Allerdings sind wir im gegenwärtigen Zeitpunkt weit davon entfernt, Voraussagen über plötzliche und gefährliche Krisen machen zu können. Hingegen zeigen die Ergebnisse klar, dass sich die permanente Beobachtung der spektralen Verteilung des Tremors lohnt und vielleicht tatsächlich einmal dazu genutzt werden könnte, Perioden kritischer Instabilität des Vulkans vorauszusehen.

Heisse Drähte auf dem Stromboli

Die seismische Station ist seit Oktober 1989 in Betrieb. Da sich selbst hartgesottene Vulkanologen nicht permanent auf dem Stromboli aufhalten können, erfolgt die Datenerfassung so weit wie möglich autonom: Der Seismometer am Gipfel wird durch Solarzellen mit Strom versorgt, die ( Holz anfassen !) bisher weder den ätzenden Dämpfen, dem tobenden Scirocco noch dem Vandalismus von Passanten zum Opfer fielen. Lediglich die Solarzellen und eine winzige Funkantenne sind sichtbar. Die Geophone zur Registrierung der Signale ( vgl. Abb. 6 ), die Batterien sowie der Kurzwellensender sind in Stahlbe-hältern verpackt und unter Schutt und Sand vergraben. Revisionsarbeiten an der Station haben somit gewissermassen den Charakter einer Schatzsuche.

Auch die Empfangs- und Computerstation im Dorf arbeitet automatisch, allerdings nur solange wir die Stromrechnungen bezahlen! 1992 ereignete sich ein bürokratischer Unfall: Die Geldüberwei-sung auf das Konto der italienischen Elektrizitätsgesellschaft ( sie unterhält auf der Insel ein kleines, dieselelektrisches Kraftwerk ) verstrickte sich, selbstverständlich ohne unser Wissen, im bürokratischen Dschungel. Darauf rückte ein Elektriker aus und kappte kurzerhand das Stromkabel. Der Clou der Sache: Durch diese Aktion wurde nicht nur

c o.

o Q Verschiedene Aufzeichnungen der seismischen Station; von oben nach unten:

- A: « drei Ereignisse », entsprechend drei Ausbrüchen aus den Gipfelkratern innerhalb einer Minute - B: starke Schwingungen eine Minute nach dem grossen Ausbruch vom 16. Oktober 1993 um 1 h 10 GMT - C: Beispiel eines starken ( CO und eines schwachen ( C2 ) Tremors.

Die horizontale Zeitachse hat immer den gleichen Massstab ( die ganze Breite entspricht 60 Sekunden ), auch der willkürlich gewählte, senkrechte Massstab ist immer derselbe.

unser Computer lahmgelegt, sondern ein ganzes Quartier unterhalb der Kirche von San Vincenzo ging seiner Stromversorgung verlustig!

Im Normalfall produziert unsere Station so viele Daten, dass sie nicht beliebig lange im Computer gespeichert werden können. Deshalb wechselt ein Bergführer alle paar Tage einen Bandspeicher aus und spediert ihn postalisch nach Udine. Noch einmal Holz anfassen: Noch nie ging bisher ein Band verloren - ein Hoch auf die italienischen Postbe-triebe! Einen Datenverlust gab es hingegen doch einmal: Es kam ein leeres Band in Udine an, möglicherweise deshalb, weil es unterwegs magnetisiert worden war, vielleicht durch einen starken Elektromotor, neben dem der Postsack lag.

Während also die Hauptmenge der Daten den mehr oder weniger gemütlichen Weg mit dem Schiff oder Tragflügelboot über das Mittelmeer und mit der Bahn stiefelnordwärts nimmt, beschleunigen wir den Transfer eines Teils der Information im Zeitalter von High-Tech und Internet ganz beträchtlich: Zwei- bis dreimal pro Woche schalten wir uns über Modem und Telefonleitung beim Computer in Stromboli ein und lesen die Anzahl täglicher Eruptionen und den Tagesdurchschnitt der Tremorin-tensität aus. Dies dient, wie wir gleich sehen werden, nicht nur der persönlichen Neugierde.

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Abb. 10 Im Frühling 1996 war der Sfromboli ausserordentlich stark tätig. Wir sehen hier eine Eruption am Krater 1. Aber auch zwischen den eigentlichen Ausbrüchen warf dieser Krater am laufenden Band einzelne Schlacken aus, und unsere seismische Station registrierte deshalb einen ausserordentlich starken Tremor ( Aufnahme 21. April 1996 ).

Abb. 12 Der Aufstieg auf den Stromboli ist zwar mühsam und dauert rund drei Stunden, doch ist der Weg kaum zu verfehlen und bei vernünftigem Verhalten ungefährlich.

Ein Vulkan für ( fast ) jedermann

Wir begannen zu realisieren, dass die sehr schnell verfügbaren Messdaten für eine breitere Öffentlichkeit, für Schulen und für andere Forschergruppen von Interesse sein könnten. Im Frühjahr 1995 bildeten wir deshalb die vielleicht eher ungewöhnliche Allianz eines Geographielehrers an der Kantonsschule Zürcher Unterland in Bülach ( Jürg Alean ) und des Computerspezialisten und Vulkanologen in Udine ( Roberto Carniel ). Was wir in monatelanger Arbeit aufbauten, nennt sich heute stolz « STROMBOLI ON-LINE » und funktioniert in etwa folgendermassen:

Alle Computerbesitzer mit einem Anschluss an das weltweite Internet können sich bei uns einschalten und sich über den aktuellen Stand der Aktivität des Stromboli informieren. « Bei uns » heisst eigentlich, über einen Computerdienst der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ( Ezlnfo ). Dank dieser Unterstützung durch die ETH-Zürich ist unsere Dienstleistung 24 Stunden am Tag und somit für Benutzer in allen Zeitzonen rund um den Globus zugänglich. Internetbenüt-zende Personen kennen das Schöne an der Sache: Um technische Belange braucht man sich überhaupt nicht zu kümmern. Es genügt, die folgende « Adresse » einzutippen: http://www.ezinfo.ethz.ch/volcano/

Wenn man bei STROMBOLI ON-LINE hereinschaut, bekommt man nicht nur Seismogramme und Statistiken zu sehen. Es gibt eine Vielzahl von

Wissenschaft und Bergwelt Abb. 11 Tagsüber kann man das Glühen der Lavafetzen nicht erkennen, dafür sind die ausgestossenen Aschewol- c a.

Fotos, sogar kurze Videoclips von Ausbrüchen samt Ton, Karten und vielfältigen Informationen über grosse historische Eruptionen auf Stromboli. Daneben orientieren wir über aktuelle Geschehnisse auf anderen Vulkanen in aller Welt. Von Januar bis Oktober 1996 waren dies u.a. die Vulkane Karymsky ( Kamtschatka ), Ätna in Sizilien, Koma-gatake in Japan, Soufrière Hills auf Montserrat in der Karibik, Popocatepetl in Mexiko, ein weiterer Ausbruch des Vulkans Ruapehu in Neuseeland und ein submariner Ausbruch im Pazifik ( Eastern Gemini Seamount ) und die subglaziale Eruption in Island.

In Bezug auf den Stromboli erlauben wir uns,

ken um so imposanter. Krater 1 von der Aufstiegsroute zum Gipfel, Oktober 1986

von Roberto Rossellini mit Ingrid Bergman als Hauptdarstellerin. Die Produktion im Jahr 1949 war für die damalige Inselbevölkerung ein einschneidendes Ereignis. Der Film ist ein einmaliges Dokument der Lebensbedingungen auf dem einsamen Eiland unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab damals weder Strom noch eine feste Anlegestelle für Schiffe. Das Material für die Dreharbeiten, Lebensmittel und selbst Trinkwasser mussten in Ruderbooten an Land gebracht werden. Für Materialtransporte auf den Vulkan wurde ein schmales Strässchen bis auf 300 m ü.M. angelegt, auf dem bis heute der Grossteil der Berggänger normalerweise die erste Marschstunde hinter sich bringt.

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Wir hoffen, unseren Internet-Dienst noch erheblich ausbauen zu können. Beispielsweise soll er um Kapitel erweitert werden, die sich insbesondere an Schülerinnen und Schüler richten. Das Thema « Vulkanismus » könnte so im Geographieunterricht einen Grad von Aktualität erreichen, der vor der Verbreitung des Mediums Internet kaum denkbar war.

Letzte Nacht auf dem Vulkan

Aber selbst wenn die Datenautobahn eine rasante und virtuelle Präsenz am Stromboli ermöglicht, geht doch nichts über eine reale Besteigung dieses prächtigen Vulkans. Ein letztes Mal wandern wir Ende April durch ein Blumenmeer bergwärts. Bei Punta Labronzo geraten wir erstmals so richtig ins Schwitzen und lassen dennoch Pizzeria und Bier rechts liegen. So kommen wir unbeschwerter voran ( vgl. Abb. 12 ) und gemessen wenige Minuten später den Tiefblick über die Sciara del Fuoco, über die eben wieder tonnenweise Lavabrocken meerwärts rollen, lange Staubfahnen hinter sich herziehend.

Auch bei meiner vielleicht fünfzigsten Besteigung ( ich habe schon lange zu zählen aufgehört ) ist der staubige Weg noch immer mühsam. Für geübte Wanderer ist er tagsüber allerdings völlig unproblematisch. Belohnt wird man auf dem Pizzo, mehr als 200 Meter höher als die Krater, durch einen faszinierenden Einblick in Teufels Küche. Das Schauspiel ist in diesem Jahr besonders unterhaltsam: Krater 1 ( ganz rechts ) befindet sich sozusagen im eruptiven Dauerzustand, rumpelt und rülpst ohne

Abb. 13 Schräge Eruption des Kraters 1 am 12. Oktober 1993: Die Auswurfrichtung kann sich plötzlich ändern. Man sollte sich den Kratern deshalb nie und von keiner Seite her nähern. Die Lichtspuren rechts hinten stammen von einem Boot, das abends Schaulustige an die Basis der Sciara del Fuoco transportiert.

Unterbruch und wirft dabei Lavabrocken Dutzende von Metern hoch ( vgl. Abb. 10 ). Alle paar Minuten folgen fauchende Eruptionen und zweimal produziert einer der Schlote gar einen Rauchring, der schön senkrecht und dekorativ himmelwärts gleitet.

Krater 2 hüllt sich in Schweigen. Dafür übertrifft sich Nummer 3 ( von uns aus gesehen ganz links ) in Bezug auf Lärmentwicklung selber. Wenn er alle fünf oder zehn Minuten loslegt, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr, und das Publikum lässt sich jeweils zu Applaus hinreissen.

Bis zum Dunkelwerden vertreiben wir uns die Zeit mit Kristallsuchen ( in der Asche sind selbst auf dem vielbegangenen Gipfel hübsche Augite bis Zen-timetergrösse zu finden ) und einer einstündigen Exkursion zum Südgipfel, dem Vancori. Mit 924 m bildet dieser imposante, aber ohne Schwierigkeiten zu begehende Felsgrat den höchsten Punkt der Insel. Er wird selten aufgesucht, bietet aber einen der schönsten Aussichtspunkte auf dem Stromboli, weitab vom Rummel auf dem Pizzo.

In der Dämmerung bricht schliesslich die grosse Zeit des Fotografen an. Wie Feuergarben schiessen die rotglühenden Lavafetzen gegen den dunkler werdenden Abendhimmel, fallen Sekunden später prasselnd auf die Kraterwälle nieder und verglühen langsam. Später am Abend zieht Krater 3 nochmals alle Register, Krater 1 doppelt nach, und obwohl ich zum Umfallen müde bin, fällt es mir schwer, mich von diesem Feuerwerk loszureissen und den Abstieg durch die Dunkelheit in Angriff zu nehmen.

lücher/ Medien .ibri, media .ivres / Médias

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