Der Weisse Tod im Jura Lawinen sind seltener, aber im Ernstfall ebenso gefährlich

Hügelige Landschaft, sanfte Hänge, mässige Höhen – im Jura scheint Lawinengefahr kein Thema zu sein. Das ist nicht ganz richtig, denn ein gewisses Risiko besteht, das nicht ignoriert werden darf, wenn man eine Tour plant.

Die in den Alpen gefürchteten Lawinen kommen in einer Bergkette wie dem Jura mit seiner recht geringen Höhenlage weitaus weniger häufig vor. Die Gefahr besteht dennoch. Lawinen im Jura richten zwar kaum Zerstörung an, sind weniger spektakulär und nur selten tödlich. Entsprechend werden sie nicht ernst genommen. «Keine Lawinengefahr. Keine Gefahr, verschüttet zu werden», ist deshalb von Leuten zu hören, die regelmässig im Jura Touren unternehmen. Die objektiven Kriterien für die Lawinengefahr gelten auch im Jura: die Hangneigung, die Wetterbedingungen und die Neuschneemengen, aber auch der Aufbau der Schneedecke. Seit 2007 schliesst das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) den Jura in sein Lawinenbulletin mit ein, sobald die Gefahr die Stufe 3 (erheblich) erreicht, was mehrmals pro Winter vorkommt.¹ «Der höchste Punkt des Juras ist die Crêt de la Neige mit 1720 m - es sollte nicht unterschätzt werden, dass im Jura Verhältnisse wie in den Bergen möglich sind», sagt Thomas Stucki vom SLF, «obwohl die Lawinen im Jura in der Regel kleiner sind als in den Alpen, kann es im Jura bei bestimmten Wetterbedingungen doch stellenweise gefährlich sein.»

Hänge, die über 30° steil sind, ergiebige Schneefälle, starker Wind, bedeutende Temperaturschwankungen – auch im Jura können Bedingungen herrschen, welche die Auslösung von Lawinen begünstigen. Couloirs, Mulden, Steilhänge – am Chasseral, an der Vue des Alpes, am Mont Soleil, an der Côte de la Dent oder auf dem Chasseron sind Zonen zu finden, wo wie die Gefahr für Lawinen oder Schneerutsche besteht.² Auch die Regeln zur Beurteilung sind logischerweise dieselben. Aber: «Die grösste Gefahr geht von Windverfrachtungen und Schneeverwehungen aus. Da die Gipfel des Juras sehr exponiert sind, verfrachtet der Wind den Schnee und bildet Triebschneeansammlungen. Selbst wenn in den meisten Fällen der Mensch der Auslöser ist, können sich Schneebretter auch spontan lösen», betont Vincent Berret, J+S-Leiter, Mitglied der SAC-Sektion Delémont und Autor eines Artikels über die Lawinengefahr im Jura.

Konkret wurden seit 1936 im Schweizer Jura elf Lawinenunfälle verzeichnet, darunter 1991 einer mit Todesfolge in der Combe Grède, einem Tal zwischen St.Imier und dem Chasseral³. «Diese Stelle ist sehr steil und geeignet für die Bildung von Schneebrettern. Wenn man hier einsteigt, ist ein Unfall vorprogrammiert», warnt René Didier, Mitglied der Rettungskolonne Moutier. «In unserem Sektor, der den Jura und einen Teil des Berner Juras abdeckt, sind wir aber noch nie zu einer Lawinenrettung aufgeboten worden.»

Angesichts der eher geringen Ausmasse der Lawinen im Jura ist die Gefahr, vollständig verschüttet zu werden, aber begrenzt. «Personen, die in eine Lawine geraten sind, gelingt es meist, sich selber zu retten. Sie fordern keine Hilfe an», sagt Vincent Berret. Eine Feststellung, die Yves Burri, Opfer einer Lawine in der Combe Biosse (Nordwestflanke des Chasseral) im Februar 2010, bestätigt: «Von einer Vierergruppe wurden zwei von einem Schneebrett mitgerissen. Eine Person war bis zur Taille verschüttet und konnte von den drei anderen ausgegraben werden, ohne dass sie die Rettung zu Hilfe rufen mussten. Um die Leute vor der Lawinengefahr in diesem Gebiet zu warnen, habe ich einen kleinen Bericht ans SLF geschickt.»

Die letzte Konsequenz, der Weisse Tod, ist allerdings nicht die einzige Gefahr im Jura: «Das Risiko, zu stürzen, in einer kleinen Schlucht zu landen oder gegen einen Stein zu prallen, darf nicht vernachlässigt werden», so Vincent Berret.

Eine Schneeschuh- oder Skitour im Jura darf nicht vorbereitet werden, ohne die Wetterverhältnisse abzuklären und das Lawinenbulletin zu konsultieren. «Hier wie anderswo sind auf einer Tour fast alle mit LVS, Schaufel und Sonden ausgerüstet», versichert René Didier, Mitglied der Sektion Prévôtoise. «Die Lawinengefahr stellt im Jura zwar kein grosses Problem dar, aber wer die Berge kennt, dem entgeht nicht, dass einige Stellen bei ungünstigen Wetter- und Schneeverhältnissen gefährlich sind. Die Gefahrenanalyse vor Ort ist unbedingt nötig.» Die Sektion Delémont ist strenger: «Seit 2008 ist es für die Teilnehmer an Sektionstouren im Jura obligatorisch, das Rettungsmaterial für Lawinenunfälle mitzutragen; aus Gründen der Sicherheit, zur Einübung von Automatismen und zur Ausbildung», erklärt Vincent Berret von der Sektion Delémont.

Damit das SLF warnen und ein vollständiges Bulletin liefern kann, ist es auf der Suche nach Lawinenbeobachtern im Jura. «Wir haben schon drei Personen östlich des Chasseral, aber niemanden im Westen. Wir bräuchten noch zwei oder drei zusätzliche Beobachter im Feld», sagt Thomas Stucki. Der Aufruf richtet sich an Personen, die im Jura wohnen oder regelmässig Touren unternehmen.

 

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