Einsames Tal im Tessin Naturwälder und Granitpfade im Val Cama

Das Val Cama ist nicht nur für Liebhaber von naturbelassenen Wäldern und Alpen mit alten Tierrassen eine Reise wert. Es liegt auch mitten in einem Eldorado für geübte Gebirgswanderer. Ein besonderes Juwel ist der Übergang vom Val Cama ins Val d'Arbola.

Es ist ein Bild für das Kunstmuseum: Dürr ragen zwei von einem Blitzschlag geköpfte Bergföhren himmelwärts. Jahrringe treten dicht an dicht hervor, winden sich um hohle Astlöcher und erzählen vom entbehrungsreichen Wachstumskampf an der Vegetationsgrenze. Daneben modert abgesprengt und abgesplittert der Rest der stattlichen Bäume, überwuchert von Heidekraut und Steppengras. Für mich Naturkunst auf höchstem Niveau, « Totholz » für die Forstwissenschaftler des grössten Waldreservates der Schweiz. Es umfasst neben dem Val Cama auch das Val Leggia und dazwischen das kleine Val di Borat. Nur in der Naturwaldzone des Reservates bleibt das Totholz liegen. Unten beim Lagh de Cama wird es weggeräumt, denn dort ist die Uferzone als « Sonderwaldreservat » ausgeschieden, was eine beschränkte Nutzung zulässt – zum Beispiel mit rätischem Grauvieh und Wollschweinen auf der von Bio Suisse in diesem Jahr preisgekrönten Prospecierara-Alp del Lago. Auch ein sanfter Tourismus hat Einzug gehalten. Leicht führt ein Saumpfad von Cama im Misox zum Lagh de Cama hinauf, der in der Grösse eines Golfplatzes von stotzigen Tessiner Granitflanken umgürtet in seiner Senke ruht. Kastanien, Linden und Hopfenbuchen werden auf dem Weg abgelöst von Buchen, Weisserlen und Bergahorn. Und oben lässt sich sicher in einem der beiden Grotti nach einem feinen Risotto auch ein Schlafplatz finden.

Wunder in Türkis

Dann ist Schluss mit der Beschaulichkeit. Zumindest vorerst. Schmale, notdürftig in den Fels gehauene Pfade, steile Wegspuren auf federnden Moorpartien und sorgfältiges Tappen auf glitschigen Granitblöcken bei der x-ten Bachüber-querung sind angesagt. Bis zur Alp d' Albion, die eine kleine, aber stimmungsvolle Unterkunftsvariante auf dieser Gebirgswandertour bietet, säumen Fichten und Tannen den Weg. Und erst wenige hundert Meter unterhalb der Alp de Sambrog, dort, wo die beiden Bergföhren zu Kunst erstarrt sind, schrumpfen Bäume zu Büschen, um dann ganz zu verschwinden. Es ist, als ob sie für die freie Sicht auf den Lagh de Sambrog Platz machen würden – ein kleines Wunder in Türkis, in einer Karmulde liegend und perfekt in das Amphitheater der umliegenden Granitspitzen eingegossen. Auch wer die ganze Tour trainingshalber in einem Tag durchziehen will und entsprechend in Eile ist, wird hier wenigstens kurz verweilen. Zu zauberhaft, zu magisch ist die Szenerie.

Blick bis ins Bergell

Glück hat, wer sich da beizeiten wieder losreissen kann. Denn die eigentliche Tour beginnt erst hier, wo sich die Wegspuren vollends verlieren und die Wanderwegmarkierungen die einzigen Referenzpunkte beim Tanz über Stock und Stein sind. Wo nötig, ist eine Kette vorhanden, trotzdem ist man froh, wenn hier das Gelände trocken ist und keine Altschneeresten mehr in den Runsen festgefroren sind. Kaum merklich entrollt sich mit jedem Höhenmeter ein Panorama, das gleich einer Theaterkulisse Horizont an Horizont reiht. Und oben bei der Bocchetta del Cressim fehlt nur noch etwas: ein Gipfel. Der suchende Blick bleibt rechterhand an der Erhebung hängen, die auf der Karte mit « P. 2499 » angegeben ist. Wer es für die zusätzlichen zweihundert Höhenmeter noch in den Beinen hat ( von Cama her wären es dann gut 2100 ) und das Zeitbudget um anderthalb Stunden überziehen kann, der wird von einem Abstecher auf diesen namenlosen Gipfel nicht enttäuscht. Senkrecht stürzt der Blick hinunter auf den Lagh de Sambrog, brandet an der Felsbarriere auf und verliert sich in der Bergeller Bergkulisse. Wie im Bergell fasziniert auch hier die Steinwelt aus Granit. Die schräg gestellten, fein geschliffenen Plattenschüsse sind griffig genug, um auf ihnen von der Bocchetta del Cressim direkt abzusteigen in eine weite Mulde, die es in der ganzen Länge zu durchschreiten gilt. Das ist herrlich, braucht aber seine Zeit wie der steile Abstieg ( in Anlehnung an die Klet-terskala könnte man diese Partie als «Gras-Sechser» bezeichnen ) hinunter zur Alp de Poz. Gut möglich, dass sich jetzt schon die erste Schwere in die Beine geschlichen hat. Nur ist es noch zu früh dazu. Denn das Val d' Arbola ist so lieblich wie lang, und am Schluss wartet ein Abstieg, der es in sich hat. Erst ganz unten im Tal darf die Konzentration nachlassen und dem Gefühl Platz machen, eine wilde, unberührte Ecke unseres Landes durchwandert zu haben.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Praktische Infos

Eckdaten

1. Tag: Zustieg Cama–Lagh de Cama: 920 Hm, 2½ Std.

2. Tag: Aufstieg Lagh de Cama–Bocchetta de Cressim: 995 Hm, 3½ Std.; Abstieg nach Cabbiolo 1820 Hm, 6 Std.

Schwierigkeit

T4 bis T5, Abstecher zu P. 2499: T5, alpinistische Route für erfahrene Bergwanderer, die das Kartenlesen beherrrschen. Der Weg ist zum Teil sehr steil, und eine schwierige Stelle ist mit Ketten gesichert.

Route

Vom Lagh de Cama ausgehend, kurz nach der Alp del Lago, in steilen Serpentinen zunächst aufwärts durch den Wald zu den Weiden der Alp d' Albion (Hütte immer offen, vier Matratzen, keine Decken, Kamin, Gasherd). Dann vorbei an der Alp Vec (1794 m) weiter zur Alp de Sambrog (1993 m). Von der Alp de Sambrog zu einer westlich des Lagh de Sambrog gelegenen kleinen Terrasse aufsteigen. Die Route geht zum Teil steil weiter, oft nur auf Trittspuren. Nur wenige weiss-rote Markierungen. Kurz unterhalb der Bocchetta de Cressim ermöglicht eine Kette den Aufstieg über eine Felspartie. Eine horizontale Querung führt schliesslich über die Bochetta de Cressim (2248 m) auf die andere Seite ins Val d' Arbola. Ab hier folgt man guten Wegmarkierungen zu P. 2090. Nach einer Querung verlässt man das Becken von Cressim und folgt dem markierten Pfad zur Alp d' Egion (ca. 1800 m, ohne Namen auf der LK). Nach kurzer Zeit erreicht man auf der anderen Bachseite die Alp de Poz (1633 m). Nun dem langen Talgrund folgend zur Forststrasse bei der Alp de Val d' Arbola (1262 m) und links des Baches ein Stück der Strasse abwärts, bis ein Pfad zum Stausee des Val d' Arbola abzweigt. Am Ende des Stausees steigt man steil durch den Wald Bosch de Rovel ab. An einer Hütte (Cran) vorbei und auf mehreren Zickzackkehren hinunter ins Tal (492 m) und nach Cabbiolo. Der Weg ist nicht immer gut ersichtlich.

Variante: Von der Bocchetta de Cressim rechts zuerst auf Granitbuckeln, dann steiles Gehgelände in einem Linksbogen zu P. 2499. Auf demselben Weg zurück zur Bocchetta de Cressim. Erfahrung in der Routensuche in weglosem Gelände ist zwingend.

Karte

LK 1:25 000, Nr. 1294 Grono.

Unterkünfte

Capanna Miralago, 34 Plätze, geöffnet Anfang Juni bis Ende September, Tel. Hütte 078 759 42 27
Capanna Righetti Fibbioli, 24 Plätze, geöffnet Juli bis August, Tel. Hütte 078 674 14 09
In Cabbiolo Übernachtungsmöglichkeit im « Humanita Backpackers » (www.humanita.ch)

Hinweise

Weitere Infos zum Val Cama mit weiteren Wandervorschlägen finden sich auf Deutsch und Italienisch auf www.valcama.ch. Infos zur Bio-Alp del Lago (auch in Deutsch) unter www.alpdelagh.net

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