«Erheblich» ist nicht gleich «erheblich»

Das Lawinenbulletin gibt Auskunft über die allgemeine Gefahrenstufe. Wichtiger ist, sich zu fragen, warum die Lawinengefahr « erheblich » ist, und dann vor Ort den einzelnen Hang zu beurteilen.

«Erhebliche Lawinengefahr. Die Gefahrenstellen befinden sich an … » – so informiert das Lawinenbulletin täglich über die aktuelle Lawinensituation im Schweizer Alpenraum. Vom informativen Text wird von vielen Tourengängern meist nur, wenn überhaupt, die Gefahrenstufe wahrgenommen und interpretiert. Diese hat in der Lawinenausbildung in Kombination mit der grafischen Reduktionsmethode (gRM ) einen hohen Stellenwert. Doch was steckt hinter dieser Gefahrenstufe? Lawinengefahrenstufen werden für eine gesamte Region herausgegeben und nicht für einen Einzelhang und setzen sich aus folgenden Faktoren zusammen:

– allgemeine Schneedeckenstabilität in der Region

– Auslösewahrscheinlichkeit für Lawinen

– flächige Verbreitung bzw. Häufigkeit der gefährlichen Hangbereiche

– Grösse und Typ der zu erwartenden Lawinen

Für eine Gefahrenstufe werden die besonders betroffenen Geländeteile umschrieben. Zum Beispiel: « Besonders kritisch sind Steilhänge der Expositionen West über Nord bis Ost oberhalb von rund 2000 Metern. » In den übrigen Geländeteilen kann von einer meist geringeren Lawinengefahr ausgegangen werden, wobei im Lawinenbulletin keine Angaben dazu gemacht werden. Gefahrenstufen können sehr unterschiedliche Ausprägungen haben. In einem Fall ist der weitverbreitete frische Triebschnee sehr leicht auslösbar und heikel, in einem anderen ist es der schwieriger auslösbare schlechte Schneedeckenaufbau, der bei einer Lawinenauslösung zu relativ grossen und flächigen Abgängen führen kann. In beiden Fällen aber herrscht erhebliche Lawinengefahr. Es handelt sich jedoch um komplett verschiedene Situationen. Es liegt auf der Hand: « Erheblich » ist nicht gleich « erheblich », und « mässig » ist nicht gleich « mässig ». Manchmal liegen « erheblich » und « mässig » auch sehr nahe beieinander. Dies ist bei der Anwendung von strategischen Methoden ( z.B. gRM ) zu berücksichtigen. Es lohnt sich deshalb, sich beim Studium des Bulletins folgende Fragen zu stellen:

1. Was ist bei der heutigen Tour das Hauptproblem?

2. Wo ist es vorhanden?

3. Wie gravierend ist es?

Es lohnt sich, zusätzlich die Frage zu stellen: Warum herrscht heute erhebliche Lawinengefahr? Im Gelände sind dann die eigenen laufenden Beobachtungen elementar. Mithilfe der vier Muster typischer Lawinensituationen ( Neuschnee, Triebschnee, Nassschnee und Altschnee ) können diese Fragen auf allen Stufen des 3 × 3 mit unterschiedlicher Genauigkeit beantwortet werden. Fortgeschrittene Tourengänger beurteilen den Einzelhang, indem sie das aktuelle Lawinenproblem mit den Geländeeigenschaften in Beziehung setzen. Die Gefahrenstufe verliert damit an Bedeutung. Denn im Einzelhang steht das konkrete Lawinenproblem im Vordergrund.

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