Gedanken zum seilfreien Klettern Ein persönliches Bekenntnis

Nichts ist spektakulärer als das Klettern ohne Seilsicherung, das so genannte Soloing. Wer sich darauf einlässt, kommt nicht darum herum, existenzielle Erfahrungen zu machen: allein mit sich und den Schwierigkeiten einer senkrechten Wand. In der Öffentlichkeit gelten Solokletterer als potenzielle Selbstmordkandidaten. Der Urner Kurt Müller, der sich der Kunst des ungesicherten Alleingangs verschrieben hat, sieht dies allerdings ganz anders.

Es gibt keinen alpinen Begehungsstil, der so kontrovers diskutiert wird wie der seilfreie Alleingang. Selbst vom breiten Klettervolk wird das Soloklettern vielfach kritisch betrachtet und nicht selten als Ausdruck einer akuten Profilneurose deklariert. Ich habe schon selbst übelste Beschimpfungen und Beleidigungen während einer Solobegehung über mich ergehen lassen müssen. Doch der vertikale Alleingang wird nicht nur durch die Nähe des Todes geprägt, er ist auch Ausdruck einer besonderen Lebenseinstellung. Konzentration, Entschlossenheit, inneres Gleichgewicht, Risiko, Gefahr, Emotionen, Respekt sind Begriffe, die beim Soloklettern einen weitaus höheren Stellenwert einnehmen als beim gesicherten Klettern.

Voraussetzung für Soloklettern ist eine ganz grosse mentale Disziplin. Da sich bei einem Alleingang die tödliche Bedrohung nie verdrängen lässt, bedarf es einer konsequenten, realistischen Einschätzung der eigenen körperlichen und mentalen Fähigkeiten, und zwar ohne Wenn und Aber. Setzt man sich nämlich mit den Schwachstellen der wahnsinnigem Idee intensiv auseinander, wird sie öfters erst einmal in normale Sphären heruntergeholt. Die lähmende Angst weicht dann meist begründeter Ehrfurcht. Man ist im höchsten Masse sensibilisiert, konzentriert und handlungsfähig.

Im Vergleich zum Klettergarten dauern alpine Solobegehungen viel länger, verlangen aber seltener die unbarmherzig perfekte Durchführung eines besonders schweren Einzelzugs. Im Klettergarten prägt man sich jede Bewegung ein, nicht selten sogar durch Abklettern, bevor man die Route allein angeht. Werden im Gebirge -je nach der persönlichen Einstellung - Selbstsicherungssysteme für besonders kritische Seillängen eingesetzt, gibt es im Klettergarten keine Sicherung. Ein gefährliches Spiel ohne Netz und doppelten Boden, aber nicht ohne Reiz.

Beim alpinen Soloing ist man während der gesamten Zeit auf sich selbst angewiesen, sei es in der Vorbereitung oder bei technischen Entscheidungen. Fragen wie wann genau einsteigen? wie viel Material? hält das Wetter? sind im <Alleingang> zu beantworten. Der Partner, das emotionale Gegenüber, fehlt. Freude und vor allem Angst erreichen andere Dimensionen. Was mich am Soloklettern so fasziniert, ist nicht nur die Bereitschaft zum höheren Risiko und dessen Handhabung, sondern vor allem die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich den Momenten kompromissloser Verzweiflung auszuliefern -allein: Ich muss meine Angst allein unter Kontrolle halten oder sie allein überwinden, wenn es wirklich kritisch wird. Und diese kritischen Situationen treffen ein, denn wer weiss vor einer langen Tour schon, ob das Wetter gut bleibt, ob schwierige Kletterstellen nass sind oder das Eis dünner ist als angenommen.

Der Alleingänger begibt sich als unsteuerbare Nussschale in die Wogen der Gefühle. Auch wenn er ein Seil benützt, so kommt ihm nie derselbe Stellenwert einer psychologischen « Ankerkette » zu wie in der Handhabung zusammen mit dem Partner. Die Emotionen vom Alleinsein in einer Wand sind mit Worten nicht zu beschreiben. Mich selbst fasziniert ganz besonders die ausgesprochen tiefe Versenkung in das eigene Tun, die vollendete Konzentration. Ich erinnere mich an ein Erlebnis in der « Via Gerda » am Bergseeschijen. In der Schlüsselstelle ( immerhin 7- ) geriet ich ins Stocken und kam keinen Zentimeter mehr vorwärts. Minutenlang verharrte ich bewegungslos, unfähig, mich zu einem Kletterzug zu entschliessen. Nach einiger Zeit bewegten sich meine Hände und Füsse wie von selbst, ohne feststellbare Entscheidung des Kopfes, und ich überwand die Passage ohne weiteres Zögern. Wer solo gut unterwegs ist, schaut nie nach unten - oder wenigstens fast nie.

Für mich hat Soloklettern mit Selbstmordabsichten so wenig zu tun wie Kaugummizigaretten mit Lungenkrebs. Ein guter, also vorsichtiger Alleingang ist etwas durchaus Lebensbejahendes, weil man während dieser Zeit besonders intensiv (er)lebt. Soloklettereien dauern in der Regel nicht besonders lang. Am Salbitschijen schaffen es nur ausgezeichnete Alpinisten, die Zwillingsturm-Südostwand, den Südgrat und den Ostgrat an einem Tag zu durchsteigen. Allein, mit einem federleichten Rucksack, gelangen mir diese Be- gehungen in sechs Stunden. Alleingänge sind meistens auf einen Tag ausgerichtet, sodass man kein Biwakzeug und wenig Essen mitnimmt. Sowohl in den Alpen als auch besonders an Achttausendern könnte ich mir Routen oder Überschreitungen vorstellen, die sich aus zeitlichen Gründen nur im Alleingang bewältigen lassen.

Hauptantrieb ist wahrscheinlich bei den meisten die Lust aufs Abenteuer, wobei sich der Inhalt dieses Begriffs nicht so leicht definieren lässt. Die Bereitschaft zu einer Reise ins Ungewisse und eine gewisse seelische Rauflust verknüpfen sich mit der gelegentlich erfüllten Hoffnung auf ein paar prachtvolle Erlebnisse.

Wenn man Pro- und Kontra-Standpunkte zum Solobergsteigen einander gegenüberstellt (die sich eigentlich nicht von jenen beim Klettern unterscheiden), fallen Aussagen, die für Aussenstehende schwer nachvollziehbar sind. Dagegen spricht, dass man vielleicht länger lebt, wenn man es bleiben lässt. Dafür spricht, dass es enorm viel Spass machen kann. Doch steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Abenteurer? Möchte nicht jeder von uns hie und da die festen und einengenden Schranken der heutigen Gesellschaft durchbrechen? Für mich geschieht das beim Alleingang.

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