Hast du meine Alpen gesehen? Eine Ausstellung bringt Licht in ein düsteres Kapitel Alpingeschichte

Zehntausende Juden wurden während des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Grenze abgewiesen und meist in den Tod geschickt. Auch die Alpenvereine haben Schuld auf sich geladen oder – wie der SAC – geschwiegen.

« Unter dem Schlimmsten, was mir der Hitler angetan hat, ist, dass er mir meine Berge weggenommen hat. » Das Zitat stammt von Bruno Roth ( 1896–1984 ), einem leidenschaftlichen Skifahrer und Bergsteiger, der während des Nationalsozialismus aus Deutschland nach Amerika emigrierte. Roth gehörte zu jenen Hunderttausenden deutschen Bürgern, die das Land verlassen mussten, weil sie jüdisch waren. Auf der Liste der Dinge, die er in die USA mitnehmen wollte, waren auch seine genagelten Bergschuhe. Sie stehen ab dem 1O. April 2011 als Ausstellungsobjekt im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz, dem Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums in der Zentralschweiz. Hanno Loewy, Leiter des Jüdischen Museums Hohenems, hat die Wechselausstellung in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Wien initiiert. Sechs Jahre sammelte er Geschichten über Juden und ihre Beziehung zu den Alpen. Entstanden ist eine sensible, umfangreiche Schau über die Geschichte des Judentums und dessen Beziehung zur Bergwelt.

Eine Geschichte, die sich nicht nur auf den sprichwörtlichen Berg Sinai beschränkt, sondern sich bis in die Neuzeit fortsetzt und die Entwicklung des Alpinismus prägte. Wie, ist durch Bilder, Schriftstücke, Filme und persönliche Gegenstände zu erfahren. Zur Ausstellung erschienen ist ebenfalls ein wunderbarer Katalog, eine Hommage an die Bergwelt, beschrieben in über 40 Kapiteln.

So sind nebst Bruno Roths Nagelschuhen auch geologische Funde und Messgeräte von bekannten jüdischen Bergsteigern und Forschern wie Joseph Braunstein, Gottfried Merzbacher oder Paul Preuss zu sehen. Preuss, einer der bekanntesten Bergsteiger seiner Zeit – er gilt als Vater des Freikletternswar Mitglied der Sektion Austria vom Österreichischen Alpenverein. Mit 2000 Mitgliedern machte der jüdische Anteil der Sektion Austria einen Drittel der Gesamtzahl aus. Als Anfang der 1920er-Jahre die « Arisierung » in den österreichischen und deutschen Alpenvereinen einsetzte, hatte das den Ausschluss der Juden zur Folge. Die jüdischen Alpinisten gründeten daraufhin ihre eigene Sektion Donauland, die 1924 von ihrem Dachverband ausgeschlossen wurde. Die in der Ausstellung gezeigten sogenannten Judenabwehrschilder demonstrierten offenen Antisemitismus. Man brachte sie bei Wanderwegweisern an oder hängte sie an die Eingangstüren der Clubhütten. Flyer mit der Aufschrift « Juden unerwünscht » lagen in den Hotels auf. Wie sah es im Schweizer Alpen-Club ( SAC ) aus? Gab es Ausschlüsse von jüdischen Mitgliedern? Daniel Anker, Historiker und Buchautor, hat seine Lizenziatsarbeit zum Thema Schweizer Alpen-Club und dessen Ideologie der Berge geschrieben. « Mir ist bei meinen Recherchen nie ein konkreter Fall begegnet. » Gräben habe es in der ersten Hälfte des 2O. Jahrhunderts schon gegeben, so Anker, zwischen Reformierten und Katholiken, zwischen der Deutsch- und der Westschweiz. Der Schweizer Alpen-Club, so Loewy, habe vor allem eine Politik des Wegschauens betrieben. « Antisemitismus wurde in der Schweiz selten offen artikuliert. » Dies widerspiegelt der Briefwechsel zwischen Alfred von Martin, Historiker und Mitglied des Österreichischen Alpenvereins sowie des Schweizer Alpen-Clubs, und der Redaktion der Zeitschrift « Die Alpen » aus dem Jahre 1925; nachzulesen in einer von mehreren in der Ausstellung aufliegenden Lesemappen. Alfred von Martin berichtet unter dem Titel « Alpinismus und Antisemitismus » über den Rauswurf der österreichischen Sektion Donauland und macht dafür den Antisemitismus der Wiener Sektion und die Arisierungsbestrebungen dafür verantwortlich. Eine Gruppe von Mitgliedern aus verschiedenen Sektionen antwortet in einem langen Schreiben, der Rauswurf der Sektion Donauland sei auf interne Probleme zurückzuführen. Auf dieses Schreiben hin lädt die Redaktion Alfred von Martin ein, sich nochmals zu äussern und eine « sachliche Replik abzufassen ». Einmal mehr betont von Martin, dass es beim Rauswurf um blanken Antisemitismus gehe, um eine Frage von europäischer Bedeutung. Der Redaktor, Ernst Jenny, schliesst die Berichterstattung mit der Bemerkung: « Damit erkläre ich Schluss der Debatte in dieser Sache. » Dezidiert hat sich der SAC jedoch nie gegen den Antisemitismus gewandt.

In der Schweiz, insbesondere in Graubünden, fanden Juden als Kurpatienten seit Ende des 19. Jahrhunderts Aufnahme.. " " .Viele davon liessen sich zum Beispiel in Davos nieder, traten dem SAC bei oder engagierten sich im politischen und gesellschaftlichen Leben. Mehrere Exponate unter anderem aus der Davoser Dokumentationsbibliothek erzählen davon; etwa die Jubiläumsschrift « Zehn Jahre Hilfsverein der jüdischen Heilstätte Etania ». Eindrücklich sind auch die Gedanken und Mitteilungen der « zur Freiheit gelangten jüdischen Jugend Davos », die aus dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich stammen. Einen aktuellen Blick auf die Beziehung jüdischer Menschen zu den Alpen werfen die Fotografen Michael Melcer und Particia Schon in ihrem Bildessay. Sie folgten orthodox-jüdischen Touristen durch die Berglandschaften und beobachteten sie in ihrer « rührend kindlichen Ergriffenheit » angesichts der prächtigen Alpwiesen und des ewigen Schnees. Dabei landeten sie auch auf dem höchstgelegenen jüdischen Friedhof Europas, in Davos, und wunderten sich, « wie viele junge Menschen, manche fast noch Kinder » hier liegen. Eine besondere Grabstätte auf dem jüdischen Friedhof in Davos befindet sich abseits aller anderen Gräber, ganz vorne an der Friedhofsmauer, wo der Besucher einen direkten Blick auf die Berge hat. Es ist dies die Ruhestätte eines jüdischstämmigen Davoser Ehepaars. Es liegt hier unter seinesgleichen und scheint doch nicht dazuzugehören. Die beiden Eheleute waren begeisterte Bergler und langjährige SAC-Mitglieder der Sektion Davos. Die Frau, eine der ersten weiblichen Mitglieder des SAC, besass sogar die Ehrenmitgliedschaft.

Die Ausstellung

Dass eine Ausstellung die Geschichte der jüdischen Beziehung zu den Alpen mitten in der Bergwelt der Zentralschweiz thematisiert, mag erstaunen. Für die Kuratorin Hortensia von Roten vom Forum Schweizer Geschichte in Schwyz ist der Widerspruch überraschend und reizvoll: « Nicht unsere Beziehung zu den Alpen, sondern jene von Juden, den Fremden par excellence, wird in den Mittelpunkt gestellt. » Die Vernissage findet am 1O. April 2011 statt. Auf dem Programm der bis zum 3O. Oktober 2011 dauernden Ausstellung stehen verschiedene Filme, Vorträge und Führungen. Detaillierte Information: www.forumschwyz.ch

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