Hüttentransport nach alter Väter Sitte Mit einer Trainkompanie auf Versorgungsmission

Sie ist vielleicht die beliebteste Truppengattung der Schweizer Armee: der Train. Grosse Wertschätzung haben die Trainsoldaten und ihre Pferde Anfang Juli auch bei der Versorgung der Rotondohütte erfahren. Ein Einblick in eine Trainingswoche der besonderen Art im Urner Witenwasserental.

Zuverlässigkeit am Berg als Voraussetzung

Der tags zuvor von einem Voraus-Deta-chement rekognoszierte Hüttenweg erweist sich bis auf wenige Stellen als gut begehbar. Für Vierbeiner besonders heikle Stellen wurden markiert, Hindernisse wo nötig mit einem separat ausgesteckten Pfad umgangen. Auch im Hochgebirge hat Sicherheit Priorität. Abstürze oder « Umfaller » seien sehr selten, und für erste Hilfe am Tier stehe ein Truppentierarzt vor Ort zur Verfügung, erklärt Patrik Sieber. Ein Hufschmied stellt zusätzlich sicher, dass die Tiere ständig über das richtige « Schuhwerk » verfügen. Verlorene Hufeisen werden noch am gleichen Tag ersetzt. Der Einsatz im Hochgebirge sei nicht gefährlich, er stelle aber hohe Anforderungen an Mensch und Tier. Konzentration und gegenseitige Rücksichtnahme seien am Berg auch für die Trainsoldaten und ihre Tiere unerlässlich, erklären Patrik Sieber und sein Kollege Daniel Aeschbach übereinstimmend. « Wir müssen uns aufeinander verlassen können. Sonst kann es bös verlaufen. »

Transport mit Nostalgiepotenzial

Auf der Hütte, rund 2600 Meter über Meer, werden die Soldaten und ihre Tiere schliesslich von neugierigen Hüttengästen begrüsst. Lobende Worte, Freude über die « unerwartete Begegnung mit Nostalgiepotenzial » mischen sich mit konkreten Fragen über das Training der Tiere und ihre Einsatzmöglichkeiten und Grenzen. Bis auf 5000 Meter Höhe können akklimatisierte und geeignete Pferde grundsätzlich Lasten tragen. In der Schweiz aber sei der Train selten über 3000 Metern im Einsatz, erklären die Trainsoldaten. Schon wenige Minuten später ist der Vorplatz der Hütte mit Material über-stellt. Gleichzeitig sieht es auf der anderen Seite der hochalpinen Unterkunft schnell aus wie auf einem Dreh für einen Alpenwestern: Pferde in Reih und Glied vor dem SAC-Saloon. Die Hüttenterrasse aber bleibt für die Militärs vorläufig tabu. Denn das von den Tieren hochgetragene Material muss im Hüttenkeller verstaut und am richtigen Ort versorgt werden. Gleichzeitig stellen flinke Hände bereits Kisten, Abfälle und Leergut für den Rücktransport bereit und zurren das Material auf Pferderücken fest.

« Kompanieabend als Gegenleistung »

Die Hüttenwarte Evi Müller und Christoph Baltisberger sind dankbar für die Unterstützung. Über 20 Tonnen Material – vom Brennholz über Getränke und Fotots: Tommy Dätwyler Wie auf dem Filmset für einen Alpenwestern: Trainpferde vor der Rotondohütte.

Der Aufstieg ist geschafft. Doch auch in der Pause bleiben die Soldaten bei den Tieren.

Schwer beladen Richtung Rotondohütte. Die erste Bachque-rung ist erst ein Vorgeschmack auf das, was noch folgt.

Essensvorräte bis zu Heizungskörpern und technischem Material transportieren die insgesamt 36 Militärs in dieser Woche sicher auf die Rotondohütte hoch und hinunter. Manch teurer Heliflug kann ersetzt werden. Dankbarkeit ist den beiden Hüttenwarten aber nicht genug: Sie übernehmen im Gegenzug die Kosten für den militärischen Abschluss-abend der Verlegung in der entlegenen Truppenunterkunft Sand. Nicht nur Flugbenzin hat seinen Preis, auch Kom-panieabende kosten. « Es stimmt, unsere Dienstleistung ist gratis », kommentiert der Organisator Patrik Sieber seine Abmachung mit den Hüttenverantwortlichen. Ein Anrecht, in den Genuss eines Gratiseinsatzes des Trains zu kommen, gebe es aber nicht. « Wir suchen jedes Jahr sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. Trainingsgelegenhei-ten, die der Truppe, aber auch der Allgemeinheit zugute kommen », erklärt Sieber sein Credo. Dass er immer wieder auch Gesuche ablehnen müsse und damit ab und zu auch auf Unverständnis stosse, gehöre zu seiner Arbeit.

Als letztes Mittel: der Offroader mit einer PS

Dass die vielbeinige Versorgungs- und Transporttruppe auch in einer hoch technisierten Armee ihren Stellenwert behaupten konnte, hat für den Adjutanten viele Gründe. « Ja, wir sind mit unseren Tieren Botschafter einer bodenständigen und sympathischen Armee, aber nicht nur. Wir liefern auch gute Arbeit ab. Arbeit, die unter Umständen eine motorisierte Einheit nicht leisten könnte. Wir sind und bleiben speziell und zuverlässig. » Im militärischen Einsatz hat aber weitgehend ein Motorfahrzeug die Pferde ersetzt. Nur noch sein Name stammt aus der Pferdewelt: der Haflinger. Für den Train ist der militärische Auftrag trotzdem noch derselbe: der Transport von Geräten, Munition und schweren Waffen in schwierigem Gelände. Er kommt zum Einsatz, wenn man mit Transportfahrzeugen nicht mehr Beim Beladen der Pferde und Mulis vor der Hütte braucht es manchmal Teamarbeit.

Essen verbindet: die Trainverantwortlichen Patrik Sieber ( links ) und Daniel Aeschbach ( rechts ) mit dem dankbaren Hüttenwartpaar Evi Müller und Christoph Baltisberger.

Fotots: Tommy Dätwyler Der Train Totgesagte leben länger, das gilt auch für die Trainkompanien der Schweizer Armee.. " " .Vor der Armeereform XXI wurde rege über den Sinn und Unsinn der Traintruppen diskutiert. Nachdem der Train einmal für kurze Zeit aus dem Truppen-etat gestrichen worden ist, hat sich die Politik vor rund sechs Jahren doch wieder für viele überraschend umbesonnen. Der Train wurde – wenn auch als verkleinerte Einheit – als Truppengattung « beibehalten ». So wurde ab 2003 in Schönbühl ein Kompetenzzentrum Armeetiere aufgebaut. Seither werden dort Trainspezialis-ten, Veterinäre, Hufschmiede sowie Schutz- und Katastrophenhunde ausgebildet. « Train » ist französisch und lässt sich nicht nur mit Zug, sondern auch mit Ver-sorgungstruppe übersetzen. In der deutschsprachigen Schweiz ist der Ausdruck « Train » auch zum Begriff für die Pferdetransport-truppen geworden. Die Schweizer Armee verfügt heute noch über insgesamt sechs Trainkompanien, zwei davon in Reserve. Rund 1000 Trainsoldaten sind eingeteilt, und jedes Jahr werden zwei neue Trainzüge mit je rund 60 bis 70 Rekruten und fast ebenso vielen Tieren ausgebildet. Insgesamt erbringen die Traintruppen jährlich rund 30 000 Pferdearbeitstage. Die Pferde, meist robuste Freiberger, und ein paar wenige, etwas eigensinnigere Maultiere ( Kreuzung zwischen Freibergerstute und Eselhengst ) sind im Besitz von Pferde-händlern, die auch für den vierbeinigen Nachwuchs verantwortlich sind. fahren kann und auch Helikopter nicht fliegen können.

Hungrige Pferde und Soldaten

Ein trainiertes Pferd trägt bis zu 150 Kilogramm. Es ist nicht nur geländegängiger als der Haflinger, sondern auch besser zu tarnen. « Dass anstelle von Diesel Heu und Hafer ‹verbrannt› werden, macht die Sache auch bei der Bevölkerung zusätzlich sympathisch », weiss Sieber. Bei solch schweren Transporteinsätzen im Gelände liege deshalb eine zusätzliche Portion Kraftfutter schon drin – auch für die Soldaten. Im Witenwasserental wurde nicht nur die Futtermenge für die Tiere erhöht, auch in der Küche kam deutlich mehr auf den Tisch als bei einer motorisierten Einheit.

Nicht ganz freiwillig, aber bereitwillig und engagiert

Vergangen sind die Zeiten, als ausschliesslich Bauernsöhne und Landwirte mit einem Flair für Pferde als Trainsoldaten « ausgehoben » wurden. Heute kommen die Pferdeführer aus allen Be-rufsgattungen. Handwerker, Landwirte, Büroangestellte, Banker und sogar Studenten suchen und finden heute Platz in der beliebten Truppengattung. « Sie alle haben diese Einteilung gesucht. Sie sind freiwillig hier und leisten freiwillig mehr », erklärt Patrik Sieber und erntet bei der Truppe für das « freiwillig » ein freundschaftliches Achselzucken. Militär bleibt Militär. Ungeteilte Zustimmung dagegen im ganzen Zug bei der Feststellung, die Arbeit im Train sei härter als der Dienst bei den meisten anderen Truppengattungen. Nur wer bereit ist, das Tier in den Vordergrund zu stellen und sich auch unter erschwerten Bedingungen im Hochgebirge auf den vierbeinigen Gefährten einzustellen, komme als Trainsoldat und Pferdeführer infrage. So meinen die Angehörigen dieser Truppengattung beim Pferdetransport von der SAC-Hütte ins Tal: « Wenn andere die Ausgangskrawatte binden, stehen wir im Stall und striegeln unsere Pferde .»

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