Mit beiden Händen in der Trickkiste.

«Putsch dich auf und denk daran: Die ersten zwei Tage in der Wand sind die härtesten.» So lautet der letzte, radikale Tipp auf der Homepage über «Big Wall Climbing» von John Middendorf, einem der bekannten Namen in dieser Spielform des Bergsteigens. Sie wird heute weltweit überall dort ausgeübt, wo es grosse Wände gibt. Doch die Mutter aller Wände ist das «Valley», wie das Yosemite Valley im gleichnamigen kalifornischen Nationalpark unter Eingeweihten genannt wird. Rund zehn Kilometer lang und bis 800 Meter tief ist der Canyon des Merced River, das Herz des über 100 Jahre alten Yosemite Nationalparkes. Auf beiden Seiten des Flusses schiessen kompakte, formschöne Granitwände in die Höhe, die Generationen von Besuchern fasziniert haben - seit Beginn der Dreissigerjahre auch die Kletterer. In den Fünfzigerjahren begann hier die Hohezeit des künstlichen «Big Wall Climbing»: In 45 Tagen nagelten und hangelten sich Harding, Whitmore und Merry 1958 die «Nose» am El Capitan hoch.

Am El Capitan, diesem berühmten Granit-Monolithen, sind zahlreiche, immer kühnere Routen dazugekommen. Das künstliche Klettern hat sich entwickelt, die Aid- oder Artif-Skala reicht heute von A0 bis A5 - ein Sturz an einer A5-Stelle ist lebensgefährlich, da die selbst anzubringenden Sicherungsmittel so prekär sind, dass sie bei einem Sturz allesamt ausreissen könnten -, und Puristen definieren die Schwierigkeiten neu nach einer «New Wave»-Skala. Geblieben ist die Faszination jener riesigen Wände mit Anstiegen, die künstliches Klettern verlangen. Mit 25 Seillängen eine der längsten Routen am «El Cap» ist die Mescalito. Ihr Name (abgeleitet von der Droge Mescalin) erinnert an die legendären Zeiten des «Valley», als sich im so genannten Camp 4 die Grossen - und oft Ausgeflippten - der Kletterszene trafen, monatelang hängen blieben und zwischen Drogenrausch und Partys ihre Werke im reinen Fels des Valley vollbrachten. Man putschte sich auf, vor, während und nach den kühnen Taten. «Get psyched!», hiess das Motto, bevor man schwerste Boulderstellen kletterte oder Routen mit Namen wie Tangerine Trip, Magic Mushroom oder Lurking Fear anpackte.

«Mescalito, VI, 5.9, A4. Erstbegehung im Oktober 73 durch Charlie Port, Hugh Burton, Steve Sutten und Chris Nelson.» Wenn Stephan Siegrist, 28, über seine Begehung der Mescalito zusammen mit David Fasel und Fotograf Thomas Ulrich erzählt, tönt beim ersten Hinhören alles viel nüchterner als in den alten Storys aus Camp 4 und seiner Umgebung. Da ist von Arbeit, von Handwerk, von Hämmern, Klinken, Hakentesten und Höhersteigen die Rede - und davon, dass Stephan, der sich nach einer langen Kletterpause infolge einer komplizierten Handoperation wieder an seine alte Form herantastet, sich am Anfang « tot fühlte - fix und foxie, psychisch und körperlich erschöpft ». Womit der Satz von Middendorf seine Bestätigung erhält - die ersten Tage in der Wand sind die härtesten, danach sollte man sich sozusagen akklimatisiert haben. Besser so, denn, um Middendorf zu zitieren, «beim Big-Wall-Klettern geht es einfach darum, mehrere Tage und Nächte in den grössten Felswänden der Welt zu verbringen». Stephan, David und Thomas hielten sich vier Nächte und fünf Tage in der Mescalito auf, einem Ozean aus Granit mit senkrechten und überhängenden Linien.

Nein, meint Stephan, als besonders ausgesetzt habe er die Wand nicht empfunden. Für Thomy, der als Fotograf ständig an den Seilen hinauf- und hinuntergeturnt sei, müsse die Exponiertheit belastender gewesen sein. Dass beim tagelangen Werkeln mit rund 120 Kilo Ausrüstung in einer solchen Wand kein Fehler erlaubt ist, versteht sich von selbst: «Man muss alles anbinden, festmachen und sich vor allem genau überlegen, wie man die Seile richtigbedient», erzählt Stephan und erklärt, weshalb ihm das «Aiden» zusagt: «Das Big-Wall-Klettern hat nichts mit dem freien Klettern zu tun; aber es hilft mir für alles andere; hier muss ich das Material, also die Sicherungs- und Fortbewegungspunkte, richtig anbringen, ich muss mich mit allen Tricks und Kniffs hocharbeiten - ein perfektes Training für Erstbegehungen daheim und für die Psyche.» Solche Tricks können darin bestehen, dass man an einem Mikrohaken, der ohne Kabel aus einem Riss vorsteht, die Trinkflasche als ultimatives Hilfsmittel befestigt: Weil genau an dieser Flasche nämlich die Gleitschirmschnur aus Kevlar in der richtigen Dicke hängt, die man durch die Öse des Hakens fädeln kann - also: Flasche an den Haken, Expressschlinge und Leiter in die Schnur klinken, tief durchatmen, in die Leiter stehen und höher steigen...

Stephan Siegrist hat den Abstecher in die Mescalito sichtlich genossen. Er spricht aber auch von weiteren Projekten, vor allem « Pionierhaftes » -Erstbegehungen in Fels und Eis, neue Mixed-Tou-ren. Sicher ist, dass Stephan an einen Big Wall zurückkehren möchte, in dem man beim Anbringen der Klemmgeräte und Haken viel Vertrauen in die eigenen Handwerkskünste entwickeln muss. Oder wie der gelernte Zimmermann lachend meint: «Eine Big-Wall-Begehung ist vergleichbar mit ein paar harten Arbeitstagen auf dem Bau - mit dem Unterschied, dass du in der Wand nichts verdienst, dafür aber riesig Spass hast!»

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