Mit Seil, Pickel und Tablette Wird im Bergsport gedopt?

Während die einen ihre Leistung über den Verzicht definieren, sehen andere den Griff zu chemischen Hilfsmitteln gelassen: Der Umgang mit leistungssteigernden Substanzen ist im Bergsteigen nicht reguliert - die Regeln machen Alpinisten noch immer selber.

Hans1 hat es am Aconcagua zum ersten Mal getan: Er griff zur Chemie. Ab ca. 5000 Metern begann der Bergführer wie schon bei früheren Expeditionen die Höhe zu spüren. Zwar hatte er keine Kopfschmerzen, wie es sonst typisch für die Höhenkrankheit ist. Doch sein Magen rebellierte, er konnte keine Flüssigkeit mehr behalten, und er wusste: bald würde er rasch an Leistungsfähigkeit einbüssen. Doch diesmal hatte er vorgesorgt: Der Wirkstoff Acetazolamid, besser bekannt unter dem Namen Diamox, sollte ihm helfen. Die Substanz startet im Körper den Akklimatisa­tionsprozess und ist deshalb als Notfallmedikament in jeder Bergführerapotheke zu finden. Hans nahm während dreier Tage eine Tablette und führte seine Gäste beschwerdefrei auf den Gipfel. «Es hat mich gefreut, dass es geklappt hat», sagt er rückblickend. Ein leichter Nachgeschmack ist aber geblieben: «Man ist sich schon bewusst, dass es ohne wohl nicht gegangen wäre.»

Die Einnahme von Diamox zur Behandlung und Prophylaxe von Symptomen der Höhenkrankheit scheint für manche Bergsteiger im Gegensatz zu Hans so selbstverständlich wie der Einsatz von Schmerz- oder Schlafmitteln. Wird im Alpinismus also gedopt? Davon kann alleine deshalb nicht die Rede sein, weil im Bergsteigen weder allgemeingültige Regeln noch Sanktionsmechanismen existieren. Doch wie «sauber» ist Bergsteigen? Werden leistungsfördernde Substanzen genommen und wenn ja, kann eine Besteigung in diesen Fällen als «fair» gelten?

Der Konsum steigt

Die medizinische Kommission des internationalen Berg­steigerverbandes UIAA hat 2014 ein Positionspapier veröffentlicht. In diesem werden erwünschte Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken von 26 verschiedenen Substanzen abgehandelt. Das Spektrum reicht von Alkohol über Schmerzmittel wie Aspirin oder Ibuprofen bis hin zu Ste­roiden. Auch Sauerstoff ist aufgeführt. Die Kommission nennt diese Substanzen «potenziell leistungsfördernd». Wo immer möglich, sei ihr Einsatz in den Bergen zu vermeiden. Denn je verbreiteter der Konsum von Medikamenten, desto grösser die Wahrscheinlichkeit problematischer Nebenwirkungen. Natürlich können manche dieser Mittel in lebensbedrohlichen Situationen als Rettungsanker fungieren. Wo die Medikamente dem Bergsteiger lebensentscheidende Zeit für den Abstieg verschaffen, empfiehlt die Kommission ihren Einsatz deshalb «ohne Zögern».

Weshalb dieses Positionspapier? Die UIAA-Kommission spricht von einem zunehmenden Trend und zitiert eine Handvoll Studien, die dies belegen. Nahm 1986 noch 1% aller Bergsteiger in Nepal Diamox zu sich, waren es 2010 bereits deren 25%. Am Kilimandscharo schluckte in einer Untersuchung gar fast die Hälfte der Probanden Diamox und 40% das potente Steroid Dexamethason; nur rund 9% waren gänzlich clean. Rare Indizien zum Alpenraum liefert eine Schweizer Studie von 1993: Von 253 untersuchten Berggängern wurden damals 9,8% positiv auf Amphetamin getestet, das in der Drogenszene als «Speed» bekannt ist.

Zwischen Leistungssteigerung und Prophylaxe

Höhenmediziner Urs Hefti, Co-Autor des UIAA-Papiers, bezweifelt die Repräsentativität der Zahlen aus dem Alpenraum. Im Vergleich zu Sportarten wie Eishockey oder Fussball würden im Alpinismus sehr wenige Medikamente genommen. Hefti fordert: «Die Studie müsste man 2015 grösser angelegt wiederholen.» Ähnlich klingt es beim österreichischen Bergführer und Arzt Martin Burtscher, der zu diesem Thema forscht: «Unsere Daten geben keinerlei Hinweise für den Gebrauch von Substanzen zur Leistungssteigerung.» Medikamente würden im Breitenbergsport überwiegend zur Therapie von Risikofaktoren wie etwa Schmerzen oder hohem Blutdruck eingenommen, schreibt Burtscher.

Olivier Genet, Hüttenwart auf der Trienthütte, hat eine andere Wahrnehmung: «Rechnet man Schmerz- und Schlafmittel dazu, nimmt von den Alpinisten, die sich im Sommer auf unserer Hütte für den Mont Blanc akklimatisieren, wohl deutlich über die Hälfte Medikamente.» Der Hüttenwart, der seine Einschätzung auf persönliche Beobachtungen und Gespräche stützt, zeigt sich besorgt. Gerade wenig bergerprobte Touristen kämen oft müde, dehydriert oder gar mit Durchfall an. «Haben die dann Kopfweh, fragen sie uns nach Schmerzmitteln statt nach Wasser.» Genet bestätigt, dass auch Diamox und mitunter gar Dexamethason prophylaktisch eingesetzt werden – also nicht im Notfall, sondern um den Gipfel zu erreichen.

Beobachtungen von andern Hütten stützen derweil eher Burtschers Thesen: Kein grosses Thema seien Medikamente etwa auf der Konkordia- und auf der Weisshornhütte, sagen die dortigen Hüttenwarte auf Anfrage. Aspirin, Ibuprofen und Schlafmittel seien zwar gang und gäbe – Diamox werde aber sicher nicht zur Leistungsförderung eingenommen, sagt Britannia-Hüttenwart Dario Andenmatten: «Da sind wir auch strikte dagegen», betont er. Egon Feller von der Hollandiahütte erzählt, es komme immer wieder vor, dass man Gäste mit geschwollenen Gesichtern und andern klaren Anzeichen von Höhenkrankheit behandeln müsse. Diesen gebe er Diamox, ausnahmsweise gar Dexamethason. Aber nur, um die Leute anschliessend in den Abstieg zu schicken. «Die wollen dann ohnehin nur noch runter», fügt er lachend an. «Die Leute haben eher Hemmungen gegenüber Medikamenten.»

Vom Hausarzt direkt zur Hütte

Was mögen die Gründe für die sehr unterschiedliche Problemwahrnehmung sein? Die Antwort liegt vielleicht bei der Klientel: die Trienthütte ist Ausgangspunkt für Touren ins Mont-Blanc-Massiv. Hüttenwart Genet deklariert einen Grossteil seiner Gäste offen als «Touristen mit wenig Berg­erfahrung». Wohingegen etwa Luzius Kuster von der Weisshornhütte sagt: «Unsere Gäste sind fast ausnahmslos sehr trainiert und erfahren.»

Könnte es sein, dass «Touristen» stärker den Prestigebergen wie etwa dem Mont Blanc zuneigen – und für den Gipfelerfolg auch eher bereit sind, mangelnde Fähigkeiten mit Chemie zu kompensieren? Die Forscher, die 1993 in den Alpen Amphetamintests durchführten, kamen zum Schluss: «Bei Touristen, die ausserhalb des Alpenraums leben, war der Anteil positiver Tests signifikant höher.» Trient-Hüttenwart Genet formuliert es salopper: «Die Engländer kommen mit ihren Medikamenten manchmal direkt vom Hausarzt aus London.» Martin Burtscher spricht von einem Dilemma an den hohen Bergen der Alpen: Die Akklimatisierung gestalte sich hier oft schwierig, auch weil die Zeit fehle.

Solle nun, wer um seine Neigung zur Höhenkrankheit wisse, Diamox nehmen, krank werden oder gleich zu Hause bleiben? Burtscher glaubt, dass besseres Wohlbefinden auch das Unfallrisiko vermindert. Sein Fazit: «Die Lösung kann nur eine individuelle sein.»

Medikamentenmissbrauch am Everest

Szenenwechsel zum prestigeträchtigsten Berg der Welt: zum Mount Everest. Horrorstorys über Medikamentenmissbrauch stammen vor allem von hier. Da gibt es etwa die Geschichte jenes jungen Amerikaners, der den Everest derart vollgepumpt mit Steroiden und anderen Medikamenten in Angriff nahm, dass er dem Tod nur knapp entrann und ihm von der Dosis Jahre später noch die Hände zittern. Zweifelhafte Berühmtheit geniesst im Höhenbergsteigen der sogenannte 3-D-Cocktail: eine Mischung aus Dexidrin, Diamox und Dexamethason. Reinhold Messner provozierte vor ein paar Jahren mit der Äusserung, 90% der Bergsteiger am Everest seien gedopt – betonte allerdings zugleich, dass dies vor allem Hobbysportler betreffe; die Elite sei sauber.

Bergführer und Expeditionsleiter Kari Kobler stand selber schon mehrere Male auf dem Gipfel des Mount Everest. Sind seine Gäste eher bereit, Medikamente zu schlucken, nur weil sie am Everest sind? Kobler verneint. «Unter Bergsteigern aus dem deutschsprachigen Raum wird insgesamt sehr wenig genommen», sagt er und fügt an: «Gerade Schweizer Bergsteiger genieren sich, Medikamente zu nehmen.» Das gilt auch für Kobler selbst: «Präventive Medikation lehne ich aus Prinzip ab.»

Wer auf den Everest will, soll ruhig leiden, das war lange Koblers Devise. Erst in den letzten Jahren ist er «etwas weniger streng» geworden, wie er einräumt. Gästen, die mit der Akklimatisation Mühe bekunden, und nach der ersten Woche noch immer Leistungsschwäche zeigen, empfiehlt Kobler inzwischen Diamox. «Das hilft manchen, den Motor zu starten.» Kriegen sie in der Nacht Kopfweh, gibt er ihnen Ibuprofen, damit sie schlafen können. Den Einsatz harter Medikamente wie Dexamethason behält er sich aber für den Notfall und den Abstieg vor.

Sauerstoff: weniger gilt mehr

Dass praktisch jeder seiner Gäste, um den Everest-Gipfel zu erreichen, mit Sauerstoff auf eine leistungsfördernde Substanz zurückgreift, will Kobler indes nicht als Doping verstanden wissen. «Sauerstoff ist kein Doping, weil man ihn zum Leben braucht», findet er.

Die einfachste und wohl effizienteste aller Substanzen auf der UIAA-Liste symbolisiert denn auch am stärksten die Kluft, die sich beim Gebrauch chemischer Hilfsmittel öffnet. Den Spitzenbergsteigern dient sie zur Abgrenzung: Mit Flaschensauerstoff den Everest zu besteigen, entspreche ungefähr der sauerstofffreien Besteigung eines 6000ers, so tönt es in der Szene. Weder Stephan Siegrist noch Ueli Steck würden für einen Gipfel je zu künstlichem Sauerstoff greifen, so betonen die beiden Profibergsteiger auf Anfrage. «Wer als Alpinist etwas auf sich hält, verzichtet auf Flaschensauerstoff oder andere leistungssteigernde Substanzen», bestätigt auch Ralph Weber, der unter Schweizer Bergsteigern hohes Ansehen geniesst und die Selektion des SAC-Expeditionsteams mitleitete.

Für Kari Kobler ist der Flaschensauerstoff derweil eine Frage der Sicherheit: Ohne Sauerstoff steige das Risiko für Erfrierungen und Hirnschädigungen massgeblich, betont er. Ihn stört auch, dass nicht differenziert wird: «Ob einer mit einem Liter pro Minute aufsteigt oder mit vier Litern, das interessiert kaum. Dabei sind das Welten!»

«Medizinisch gesehen ist eine 8000er-Besteigung ohne künstlichen Sauerstoff Nonsens», sagt dazu Höhenmediziner Urs Hefti. «Ethikdiskussionen mit fundamentalistischen Positionen» kann er wenig abgewinnen. Als Arzt sei es seine Aufgabe, nüchtern zu informieren.

Versuchung im Spitzenalpinismus

Wie es unter Profis jenseits der publikumswirksamen Sauerstoffdebatte um die Ethik bestellt ist, das ist schwer einzuschätzen. Ohne Kontrollen bleibt der Profibereich eine Blackbox, über die man bloss Vermutungen anstellen kann. Solche zu äussern, traut sich allerdings nicht nur ein Reinhold Messner. Ralf Weber etwa zeigt sich sehr viel kritischer: «Im professionalisierten und durchkommerzialisierten Segment, wo es mitunter um hohe Beträge geht, dreht sich doch alles ums Gewinnen.» Und in diesem Sport, in dem einzelne Bergsteiger schon öffentlich Gipfel für sich verbuchten, auf denen sie nicht gestanden hätten, müsse man fast davon ausgehen, dass zwecks Leistungsförderung auch zu Substanzen gegriffen wird, so Weber: «Das ist ein relativ kleiner Schritt.» Auch der Profibergsteiger Stephan Siegrist ist sich «ziemlich sicher», dass im Profibereich zu Substanzen gegriffen wird. Derartige Gerüchte höre man immer wieder, sagt Siegrist: «Natürlich fehlen die Beweise.» Siegrist glaubt allerdings: Wo es nicht bloss um Leistung geht, sondern auch um Leidenschaft, da sei Doping kein Thema.

«Zu gefährlich» für Ueli Steck

Einer, der wissen sollte, wie es an der Spitze ausschaut, ist Ueli Steck. Der Berner sagt, er halte sich an die offizielle Dopingliste. Aspirin, das gemäss der Dopingliste keine verbotene Substanz ist, hat er in einem Höhenlager «auch schon mal genommen», so räumt er ein. In der Regel brauche er das aber nicht. «Ich vertrage die Höhe gut und will keine Symptome verschleiern, sondern wissen, wenn ich höhenkrank werde.» Medikamente zu nehmen, um auf einen Berg zu steigen, sei ihm zu gefährlich. Weiss Steck, wie es andere Spitzenalpinisten mit den Medikamenten halten? Nein, er habe keine Ahnung und es sei ihm eigentlich auch egal, so die lakonische Antwort. «Am Schluss entscheidet jeder für sich!»

Keine Dopingkontrollen am Berg gewünscht

Und hier schliesst sich der Kreis. Eine generelle Ächtung leistungssteigernder Substanzen lehnen viele Bergsteiger ab, Amateure wie Profis. Die Idee, Dopingkontrollen im Alpinismus einzuführen, kommt entsprechend schlecht an. Ueli Steck hält das ebenso für Unsinn wie etwa der junge Berner Spitzenbergsteiger Jonas Schild, der beim Thema Sauerstoff sonst betont die Nase rümpft: «Bergsteigen ist für mich nicht ein Sport wie Radfahren, bei dem man die Leistungen der Athleten eins zu eins gegeneinander aufwiegen kann», sagt er. Stephan Siegrist fände Kontrollen zwar «interessant», zweifelt aber wie seine Kameraden an deren Durchführbarkeit. Ralf Weber sagt, wenn einer am Haken zieht, ein Schmerzmittel einnimmt, oder Flaschensauerstoff braucht, sei das für ihn kein Problem. Nur: «Klar deklarieren muss er es hinterher.» Und Hefti meint: «Wir sollten die Verantwortung für unser Handeln nicht delegieren – weder an Ärzte noch an Bergführer.»

Am Ende bestätigt sich wie so oft, dass weder in der Technik noch in der Chemie der Teufel steckt. Wie der Mensch sie einsetzt, das zählt. Mit seinen Schützlingen aus dem Expeditionsteam spricht Ralf Weber deshalb nicht über Doping. Sondern darüber, weshalb man in die Berge geht. Statt für jede Tour nach Chamonix zu fahren, wo die grossen Namen locken, sollen sie sich in der eigenen Umgebung an kreativen Winterbesteigungen versuchen.

Menschen statt Helden

Was Weber vermitteln will: «Es geht nicht nur um Prestige.» Er habe nichts gegen Leistungswillen und Erfolgsstreben, betont Weber. Problematischer findet er das «falsche Bild», das in seinen Augen vom Bergsport vermittelt wird. «Bergsteiger werden romantisiert, es wird erwartet, dass sie besser als normale Menschen sind.» Diese Heroisierung kritisiert auch Urs Hefti: Berg­steiger verhielten sich doch nicht anders als der Rest der Gesellschaft, in der der Schmerz- und Schlafmittelkonsum ein grosses Problem sei. Hans, der Bergführer, der mit drei Tabletten Diamox seine Gäste sicher auf den Aconcagua und wieder runtergebracht hat, will weder ein Held sein, noch will er auf den Everest. Über so lange Zeit möchte er nicht Medikamente nehmen müssen. «Der Everest ist für mich zu hoch», meint er gelassen.

Psychotrope Substanzen

Wirkung: Beispiele für psychotrope Substanzen sind LSD oder Meskalin. Meskalin bindet und aktiviert den Serotoninrezeptor 5-HT2A und führt so zu einer Aktivierung im Zentralnervensystem. Allgemein ist Meskalin eine psychoaktive Substanz.

Pro: Keine Vorteile.

Kontra: Erhöhen die Risikobereitschaft, darum wurden die Medikamente früher beim Bigwall-Klettern eingenommen. Sie können zu persistierenden Wahrnehmungsstörungen führen und gelten als Betäubungsmittel mit entsprechender Gesetzgebung.

Medikamente im Bergsport: Wann ist es Doping?

Wer Medikamente und Substanzen zur Leistungssteigerung einnimmt, begeht längst nicht immer Doping. Denn von Doping kann man nur sprechen, wenn die Person an einem reglementierten und von der Wada kontrollierten Wettkampfsport teilnimmt und als Elitewettkämpfer registriert ist. Die Welt-Anti-Doping-Agentur, kurz Wada, erstellt Richtlinien und Listen zu allen im Wettkampf verbotenen Substanzen. Wer sich ausserhalb reglementierter Wettkämpfe wie Skitourenrennen oder Sportklettermeisterschaften bewegt, begeht per Definition kein Doping, wenn er oder sie mit Medikamenten seiner Leistung «nachilft». Ob ein derartiger Missbrauch im Berg­sport vertretbar ist, ist daher eine ethische, nicht aber eine rechtliche Frage.

Der Bericht der UIAA zum Download: www.theuiaa.org → climbing and mountaineering → mountain medicine → advice and recommendations → drug use and misuse in mountaineering

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