Neues von der Wetterfront Das Bergwetter wird dank MeteoSchweiz nicht besser, aber genauer

Der nationale Wetterdienst der Schweiz investiert laufend in die Verbesserung seiner Prognosen. Dazu gehört ein neues Wettermodell, das für den Alpenraum optimiert wurde.

Jacke an, Kapuze über den Kopf. Kaum ein Bergsteigerbericht, der ohne Erwähnung des Wetters auskommt, kaum eine Hochtour, bei der man sich nicht ans Wetter erinnert. Im Gebirge kommen nicht nur sämtliche Facetten des Wetters vor, es kennt sie in ihrer extremsten Ausprägung: In der Höhe ist die Sonne intensiver, der Wind stürmischer, die Kälte klirrender, die Trockenheit ausgeprägter, der Niederschlag stärker, das Gewitter gefährlicher.

Entsprechend gross ist das Interesse an einer verlässlichen Wetterprognose für Bergtouren. Lange Zeit indes waren die Alpinisten auf sich alleine gestellt. Wer über Ortskenntnis, Beobachtungsgabe und etwas Gespür verfügte, konnte vielleicht eine ungefähre Eintagesprog-nose erstellen – aber nur bei « einfachen » Wetterlagen, also bei anhaltendem Wetter oder wenn deutliche Vorboten eine Änderung ankündigten, wie dies bei Warmfronten oft der Fall ist. Wetterstürze waren damit aber nicht vorherzuse-hen. Kein Wunder also, dass Tourenberichte aus der « guten » alten Zeit nur so strotzen vor miserabler Witterung und langer Warterei auf günstige Wetterfens-ter.

Meteorologie vom Boden aus

Die Anfänge der heutigen Wetterprognose gehen auf die nationalen Wetter-beobachtungsnetze aus dem 19. Jahrhundert zurück. In der Schweiz etwa Durch die kleinräumig unterschiedliche Aufheizung der Bodenoberfläche entstehen lokale Aufwinde, die vor allem im Sommer zu Quellwolken ( Kumuli ) und anschliessend zu Gewitter-zellen führen können. Hochauf-gelöste Modelle wie COSMO-2 versprechen in diesem Bereich eine Verbesserung der Progno-sequalität.

ging 1863 ein Messnetz mit 88 Stationen in Betrieb. Diese Wetterdaten wurden per Telegraf europaweit ausgetauscht und auf Karten eingezeichnet. Damit liess sich die Entwicklung der letzten Tage erfassen, und dank der Verteilung des Luftdrucks und der damit verbundenen Windrichtungen und Windstärken konnten die Meteorologen mutmassen, wohin das Wetter « weiterwandern » würde. Ab 1878 stellte das Meteorologische Büro der Sternwarte Zürich den Zeitungen tägliche Wetterberichte und Vorhersagen zur Verfügung, die auf grosses Interesse bei der Leserschaft – insbesondere bei den Bauern – stiessen. Für Bergtouren bedeuteten solche Prognosen eine erste, grobe Planungshilfe. Lange Zeit blieb die auf Bodenmes-sungen und Radiosondierungen beruhende Wetterkarte das wichtigste Werkzeug der Meteorologen. Das änderte sich erst ab den 1960er-Jahren mit dem Aufkommen von drei neuartigen Hilfsmitteln. So erlaubten Satelliten, die Verteilung der Wolken und Luftmassen zu bestimmen und zu verfolgen. Mittels Radargeräten liess sich der Himmel neuerdings rund um die Uhr nach Regen, Schnee und Hagel abtasten. Doch noch wichtiger war die Einführung der Wettermodelle, die anhand von physikalischen Formeln die zeitliche Entwicklung der Atmosphäre am Computer voraus-berechnen.

Unberechenbare Alpen

Die ersten Modelle waren für den Alpenraum allerdings von beschränktem Nutzen. Wie Mathias Rotach, Leiter des Kompetenzzentrums Forschung und Entwicklung von MeteoSchweiz, unterstreicht, stellen die Alpen für Meteorolo- Foto: Mar co Volken Schneeanalyse im neuen COSMO-2-Modell ( links ) und im alten COSMO-7 ( oben ): Dargestellt ist die prozentuale Schneebedeckung am Boden im Alpenraum. Weiss bedeutet 100% bedeckt, grün schneefrei, gültig für den 1.4.2008 um 6 Uhr ( UTC ). Die Bilder sind nicht ver-pixelt, in Wirklichkeit entsprechen die « Pixels » den einzelnen Gitterpunkten.

gen eine besondere Herausforderung dar, und das in dreifacher Hinsicht. Als massives geografisches Hindernis stören sie die grossräumigen Luftströmungen und lenken diese auf komplizierte Weise ab, lassen Luftmassen aufgleiten und kondensieren. Daneben « produzieren » die Alpen durch die stark gegliederte Topografie eigene Phänomene mit meist lokalem Charakter – wie Föhn, lokale Winde oder Turbulenzen, die an einem Berggrat entstehen und unter Umständen erst viele Dutzend Kilometer wind-abwärts eine Störung auslösen. Und zuletzt ist die Erfassung des Wetters im Alpenraum stark erschwert: Reicht in einem ausgeprägten Flachland etwa eine Bodenstation alle 100 Kilometer, so müssen die Messnetze in den Alpen aufgrund der kleinräumigen Unterschiede bis zu zehnmal dichter sein. Ähnliches gilt für die Niederschlagsradare: Gleich drei solche Anlagen sind in der Schweiz nötig, um über die hohen Berge hinweg in möglichst jedes Tal hineinzusehen. Bedingt durch eine vornehmlich gebirgige Topografie erstaunt es nicht, dass die Schweiz in Fragen alpiner Meteorologie an der Weltspitze wirkt und wichtige internationale Vorhaben wie das kürzlich abgeschlossene, umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekt Mesoscale Alpine Programme MAP ( www.map.meteoswiss.ch ) entscheidend mitprägt.

Neues Wettermodell

Zu den länderübergreifenden Kooperationen wie MAP gehört auch die Entwicklung des Wettermodells COSMO-2, das in Zusammenarbeit mit den nationalen Wetterdiensten Deutschlands, Italiens, Griechenlands, Polens und Rumäniens entwickelt und von MeteoSchweiz für den Alpenraum optimiert wurde. Wettermodelle arbeiten mit einem dreidimensionalen Gitter und errechnen für jeden Gitterpunkt die bestimmenden Parameter wie Druck, Wind, Temperatur, Feuchtigkeit usw. Die Maschenweite des Gitters ist dabei von grosser Bedeutung, da sich Phänomene wie Lokalwinde, kleinräumige Staulagen oder Gewit-terzellen nur mit hoher räumlicher Auflösung vorausberechnen lassen. Seit Februar 2008 im operationellen Betrieb, gilt COSMO-2 mit einer horizontalen Rasterweite von 2,2 Kilometern und einer vertikalen Auflösung von 60 Schichten als eines der weltweit engmaschigsten operationellen Wettermodelle überhaupt – und erlaubt damit auch eine bessere Berücksichtigung der alpinen Topografie. Dank den acht Modellläufen pro Tag liefert COSMO-2 alle drei Stunden eine neue Wetterprognose für den erweiterten Alpenraum auf 24 Stunden hinaus. Das Modell ergänzt so das bestehende COSMO-7, das einen grösseren Ausschnitt Europas und des Atlantiks mit 7 Kilometern Auflösung auf drei Tage hinaus berechnet und seinerseits in das erdumspannende Modell des Europäischen Zentrums für Mittelfristige Wettervorhersage ( www.ecmwf.int ) eingebettet ist.

Gr afiken: MeteoSchw eiz Von COSMO-2 erhofft sich MeteoSchweiz eine Verbesserung der Progno-sequalität, insbesondere was die örtliche und zeitliche Zuverlässigkeit betrifft – nicht zuletzt im Alpenraum, wo das Wetter alle paar Kilometer ändern kann. Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Modell, so Forschungsleiter Mathias Rotach, seien sehr ermutigend. Das hat Das Wetter verfolgen: Aufnahmen eines Spätsommertages mit der Panoramakamera auf dem Gütsch. Windfeld im neuen COSMO-2-Modell ( untere Grafik ) und im alten COSMO-7 ( obere Grafik ): Die Pfeile zeigen Windrichtung und Windstärke an, und zwar auf 10 Meter über dem Boden, am 3.2.2008 um 9 Uhr ( UTC ).

kürzlich der internationale Vergleich MAP D-PHASE bestätigt, bei dem das Schweizer COSMO-2 von allen berücksichtigten europäischen Wettermodellen durchwegs die korrektesten Prognosen lieferte. Damit steht den an der Front wirkenden Wetterprognostikern ein leistungsfähiges Instrument zur Verfügung, um noch detailliertere Vorhersagen zu erstellen. Die Erfahrung der Prognostiker hat deswegen aber noch lange nicht ausgedient, besonders im schwierigen Bereich der Mittelfristprognose ( zwei bis fünf Tage im Voraus ). Auch gibt es Wetterlagen, mit denen kein Modell richtig zurande kommt, wie die für Meteorologen vergleichsweise einfachen winterlichen Inversionslagen.

Wie von den Neuerungen profitieren?

COSMO-2 ist nur eine der Grossbau-stellen von MeteoSchweiz. So wird derzeit das Bodenmessnetz SwissMetNet, Foto: Mar co Volken Gr afiken: MeteoSchw eiz Zu den typisch alpinen, räumlich sehr unterschiedlich ausgeprägten Wettersituationen gehören die Föhnlagen. Wetterscheide am Gamsspitz beim Pizzo Centrale ( Gotthardgebiet ), links das Tessin unter einer kompakten Wolkendecke, rechts geht es ins diesmal sonnigere Urserental.

das auch Startwerte für die Wettermodelle beisteuert, von Grund auf erneuert und modernisiert. Und auch bei den Ra-daranlagen steht ein Generationenwech-sel bevor. Damit versucht der nationale Wetterdienst sämtliche Pfeiler zu verstärken, auf denen die Wetterprognosen letztlich beruhen.

Doch wie von diesen Verbesserungen und den immer besser aufgelösten Prognosen profitieren, wo der nationale Wetterbericht doch nur grobe geografische Einteilungen kennt? Wie Rotach ausführt, darf MeteoSchweiz aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen all jene Wetterinformationen, die über die Grundversorgung hinausgehen, nicht kostenlos abgeben. Zurzeit werden deshalb verschiedene Modelle geprüft, um diese Informationen dennoch unter die Leute zu bringen – sei es per Mobiltelefon, Internet oder anderweitig.

Schon heute jedoch fliessen die neuen Erkenntnisse und Verbesserungen in den nationalen, fünfmal pro Tag ausge-gebenen Wetterbericht und in die übrigen Dienstleistungen von MeteoSchweiz ( www.meteoschweiz.ch ). Besonders hilfreich für all jene, die sich in der Höhe tummeln, sind dabei der gebührenpflichtige Alpenwetterbericht und die persönliche Wetterberatung per Telefon. Sie ersetzen eine Jacke mit Kapuze zwar nicht, können sie aber oft überflüssig machen. 

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