Pedra Riscada: Brasiliens Bigwall

Eine Bigwall selber einbohren, in einem fernen Land, und das teilweise ohne viel Erfahrung: Das wagten sechs Schweizer Kletterer.

Senkrechte Wasserrillen von einem Dutzend Meter Durchmesser ragen an strukturarmen Felswänden über 1200 Meter in den Himmel: Die Pedra Riscada, ein riesiger Granitmonolith, dominiert die Umgebung um das kleine Dorf São Jose do Divino in Brasiliens Osten.

Der Fels: kompakt

Profikletterer Stefan Glowacz, dem 2009 hier mit einem internationalen Team die Erstbegehung der Route Place of Happiness gelang, sagte: «Die Felsbollwerke von Minas Gerais (...) sind durch ihre Kompaktheit extrem schwierig zu erschliessen.» Genau da steht das Team um Peter Keller nun, will eine neue Route einbohren, von unten. Sechs Leute, von denen drei wenig Erfahrung beim Routeneinrichten haben.

Ein erstes Zweierteam soll die Route in der Wand vorantreiben und am Abend in der Dunkelheit abseilen. Ein zweites Team befände sich am selben Tag bereits im Aufstieg zum Routenende, wo es die Nacht im Portaledge verbringen würde, um am nächsten Tag ausgeruht und ohne Zeitverlust weiterzubohren. Team drei soll im Basecamp einen Ruhetag geniessen. So der Plan. «Wäre der Fels brüchig gewesen, hätten wir wegen des unvermeidlichen Steinschlags durch das Bohrteam eine andere Taktik oder eine andere Linienführung wählen müssen», schreibt Peter Keller.

Was zu trainieren war, übte das Team ausgiebig in der Schweiz: Bohrhaken setzen, Fixseile verlegen, Portaledge in der Wand aufbauen, Verletzte aus der Wand retten. Vieles blieb aber naturgemäss vage. Welche Linie wählen? Ist der Fels in allen Expositionen gut? Braucht es Fixseile? Wenn ja, wie viele Meter? Keile und Friends? Hängematten oder Portaledge? Wie stark brutzelt die brasilianische Sonne?

Die Linie: schwer zu finden

Die Pedra Riscada ist von keiner Seite leicht zu besteigen. Und der Dschungel am Wandfuss ist dicht. Aber trotz den vielen Termitennestern, den Lianen und dem Unterholz stehen die sechs – dreckig, ­zerkratzt und zerstochen – vor dem potenziellen Einstieg. Die Wand verschwindet im Waldboden wie ein eingerammter Spaten. Im unteren Bereich scheint sie mit einer dünnen Algen- und Flechtenschicht bedeckt zu sein. Peter ist skeptisch, ob die ersten Meter kletterbar sind. Fabio behauptet, von einem Baumwipfel aus gute Strukturen zu erkennen. Ein Zweierteam wagt einen ersten Versuch, und schon bald wird klar: Es geht! In den ersten zwei Seillängen bewegt man sich in schwarzem, senkrechtem Fels mit Leisten und Absätzen. Danach flacht die Wand etwas ab und bietet ein paar Seillängen schöne Plattenkletterei, um dann wieder aufzusteilen.

Das Wetter: unerwartet nass

Dann kommt ein zäh anhaltender Regen. Unerwartet. Nach acht Tagen in der Wand entscheiden sich die Kletterer abzubrechen. «Wir schätzen, dass wir vier Fünftel der Route eingerichtet haben. Nur noch ein einziger trockener Tag fehlt, und der Gipfel der Pedra Riscada wäre in Griffnähe!», erinnert sich Thomas Michlmayr. Die Schlechtwetterfront verzieht sich rascher als befürchtet. Sie setzten alles auf eine Karte, sprich ein Team: Zwei Tage vor Abflug steigen Peter und Fabio morgens um drei Uhr in die Wand ein. Die übrigen folgen bei Tagesanbruch. Es zeigt sich: Seillängen 14 bis 17 sind steil, kompakt und ausdauernd. Dann endlich neigt sich die Wand zurück. Um 17 Uhr stehen alle gemeinsam auf dem Gipfel der Pedra Riscada.

Big Magic Mamma

Lage

Pedra Riscada South Face, Brasil, 930 m, 7b, Erschliesser: Peter Keller, Fabio Lupo, Claudia Calderone, Ann-Karin Sanchez, Francesca Walther, Thomas Michlmayr

Material

60 m Doppelseil, 17 Expressschlingen, Friends und Keile können nicht verwendet werden, Moskitospray am Einstieg.

Kosten

Flug nach Belo Horizonte (ca. Fr. 1500.-), Miete Kleinwagen ab Flughafen (ca. Fr. 480.–). Unterkunft ca. Fr. 7.– pro Person und Nacht.

Anreise

Ab Belo Horizonte Weiterfahrt über João Monlevade, Ipatinga, Governador Valdares und São Jose do Divino (7 h).

Recanto Pedra Riscada: Fahrzeit bis Route 30 min plus Zustieg 40 min,Fahrzeit bis São Jose do Divino 30 min, Kochmöglichkeiten in der Unterkunft und Einkaufen in São Jose do Divino

Lokaler Kontakt

Edimilson (Edi) Duarte, +55 33 3582 1121

Infos

Ausführlicher Bericht: alpinerealm.com, recantopedrariscadamg.blogspot.ch

Tipps zum Training für Bigwalls

Fragen, auf die man vor der Abreise eine routinierte Antwort haben sollte:

• Wie bohrt man eine Route von unten ein?

• Wie zieht man den Haulbag hoch?

• Wie stellt man frei hängend ein Portaledge auf?

• Wie pinkelt man aus demselben?

• Wie seilt man effizient mit einem Haulbag ab?

• Wie birgt man einen Verletzten?

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