Routensanierungen im alpinen Gelände

Routensanierungen sind nicht nur auf den eigentlichen «Plaisir-kletterbereich» beschränkt. Fast unbemerkt werden mehr und mehr auch alpine Routen, die in der Regel auf klassische Gipfelziele führen, ausgerüstet. Einer der Gründe liegt in den markanten Geländeveränderungen, die -hervorgerufen beispielsweise durch den anhaltenden Gletscherschwund - die Begehbarkeit erschweren. Sanierer alpiner Routen müssen über ein grosses Know-how verfügen.

Die meisten Alpinisten der jungen Generation erwerben sich heute ihr technisches Rüstzeug vorwiegend in Klettergärten oder Kletterhallen. Dadurch verfügen sie zwar rasch über ein respektables klettertechnisches Können, jedoch noch kaum über handwerkliches Geschick im Bereich der Seilhandhabung und im Umgang mit individuellen Sicherungsmitteln.

Vor allem auf Grund der inhomogenen Geländestruktur im alpinen Bereich - im Gegensatz zu modernen Routen in kompakten Felszonen -kann hier in der Regel nicht durchgehend von Standplatz zu Standplatz gesichert werden. Bei klassischen alpinen Routen, vor allem im mittleren Schwierigkeitsbereich, liegt zudem die Erstbegehung bereits mehrere Jahrzehnte zurück, wodurch auch die Absicherung in den eigentlichen Kletterpassagen vielerorts kaum mehr den heutigen Vorstellungen entspricht. Schliesslich kann nach Erreichen des Gipfelziels in der Regel nicht einfach über die Aufstiegsroute abgeseilt werden. Vielmehr gilt es oft noch einen längeren Fussabstieg zu bewältigen, wozu besonders bei grösseren Unternehmungen auch entsprechende Erfahrung notwendig ist. Dies führt dazu, dass Seilschaften ohne ausreichende Vertrautheit mit diesem Gelände auf solchen Touren oft sehr viel Zeit benötigen, obwohl sie die klettertechnischen Schwierigkeiten problemlos bewältigen.

Obschon sich somit bei alpinen Touren die Frage der Sicherheit nicht allein auf die Zahl der Bohrhaken in der Aufstiegsroute reduzieren lässt, können Routensanierungen auch hier Wesentliches zur Sicherheit beitragen: Durch das Ersetzen von altem Hakenmaterial und das Anbringen von zusätzlichen Sicherungspunkten an Einzelstellen, bei denen das Setzen von individuellen Sicherungsmitteln umständlich oder unzuverlässig ist, können Sturzrisiken wesentlich vermindert werden. Dies trifft besonders auf Routen im unteren und mittleren Schwierigkeitsbereich zu, weil im gestuften Gelände ohne zuverlässige Zwischensicherungen gefährliche Stürze auf Felsblöcke oder bis auf den Boden möglich sind.

Solche Massnahmen helfen mit, den Zeitbedarf für die Bewältigung von derartigen Passagen in erheblichem Masse zu vermindern. Zudem erlauben solide und zweckmässige Standplätze auch bei mehreren Seilschaften einen geordneten Ablauf und ermöglichen nötigenfalls einen sicheren Rückzug.

Das oft genannte Argument, dass man mit «übertriebenen» Sanierungen solcher Routen allzu unerfahrene Berggänger anlockt, wird vermutlich überschätzt, darf jedoch auch nicht völlig ausser Acht gelassen werden. Solche Probleme entstehen meistens dann, wenn am Anfang einer langen Route die eigentlichen Kletterstellen fast «plaisirmässig» abgesichert, die folgenden leichteren Abschnitte und der Abstieg jedoch völlig vernachlässigt werden. Durch eine vernünftige Kontinuität bei der Absicherung kann dies vermieden werden, weil so die Begeher einer Route bereits zu Beginn abschätzen können, was sie auf der gewählten Tour zu erwarten haben.

Vor allem in den Höhenlagen der Dreitausenderregion führt der anhaltende Gletscherschwund und die Ausaperung der Firn- und Gletscherzonen zu Geländeveränderungen. Vielerorts sind dadurch Übergänge, Zugänge zu Routeneinstiegen oder Gipfelabstiege schwieriger und heikler geworden. Zustiege, die noch vor wenigen Jahren von einer soliden Firnschicht bedeckt waren, erfordern heute die Bewältigung heikler Felspassagen. Führen dann im Abstieg ähnliche Erschwernisse noch zusätzlich zu Verzögerungen im vorgesehenen Zeitplan, entsteht besonders bei einem Wetterumschlag oder bei einbrechender Dunkelheit ein erhebliches Gefahrenpotenzial.

Von solchen Geländeveränderungen sind nicht allein Begeher alpiner Kletterrouten betroffen: Auch Liebhaber von leichteren Hochtouren werden in diesem Gelände nicht selten mit alpintechnischen Problemen konfrontiert, für deren Bewältigung sie weder vorbereitet noch ausgerüstet sind.

Auch in diesem Bereich kann man mit technischen Massnahmen die Sicherheit für die Berggänger verbessern. Im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen Sanierungen an Kletterrouten stehen hier jedoch nicht primär Zwischen- und Standplatzsicherungen mittels Bohrhaken im Vordergrund. Viel häufiger geht es in diesem Gelände darum, die Begehbarkeit des Terrains zu erleichtern, das wegen des zu Tage tretenden Gletscherschliffs oder durch brüchigen Fels schwieriger und gefährlicher geworden ist. Oftmals genügt dazu bereits ein einfacher Handlauf mittels einer Kette oder eines Drahtseils, um eine heikle Stelle wieder besser begehbar zu machen.

Besonders bei brüchigen Felsabschnitten können auch Orientierungshilfen mittels Markierungen sehr wertvolle Dienste leisten: Wählen alle Begeher in einer solchen Zone den gleichen Weg, entsteht mit der Zeit eine stabile Trittspur, die die Steinschlaggefahr deutlich reduzieren kann.

Die durch die genannten Geländeveränderungen erschwerte Begehbarkeit von Routenabschnitten führt auch dazu, dass im Abstieg viel häufiger abgeseilt wird. Deshalb sind vielerorts improvisierte Abseilstellen eingerichtet worden, die infolge der unzuverlässigen Festigkeit der Verankerung (altes Hakenmaterial, unstabiler Fels) oder durch ungeeignetes Verbindungsmaterial (Bandschlingen!) für weitere Benutzer sehr gefährlich werden können. Solide Abseilverankerungen mittels Bohrhaken können in diesen Situationen Wesentliches zur Sicherheit auf einer alpinen Tour beitragen.

Die breitensportliche Entwicklung des Kletterns beschränkt sich nicht allein auf den Sport- oder Plaisirbereich in Klettergärten oder Klettergebieten, sondern erfasst auch mehr und mehr die Tourentätigkeit im alpinen Gelände. Die Vermittlung des Wissens, dass bei solchen Touren handwerkliches Können, Erfahrung, Vorsicht und Respekt vor den Naturelementen entscheidende Voraussetzungen für sicheres Bergsteigen sind, ist zweifellos eine der wichtigsten Aufgaben der Alpinausbildung. Gerade vernünftiges Bergsteigen kann, soll und darf jedoch auch in diesem Bereich moderne Sicherheitsstandards nicht ausschliessen. Deshalb sind auch im alpinen Gelände technische Massnahmen zur Verbesserung oder Wiederherstellung der Sicherheit für die Unfallverhütung von grosser Bedeutung.

Bereits in einem Klettergarten oder in einem Klettergebiet sind solche Sanierungsarbeiten eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die Professionalität und ein hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein gegenüber den späteren Benutzern erfordern. Im alpinen Gelände erhöhen die langen Zustiege und die grosse Witterungsabhängigkeit den Arbeitsaufwand in erheblichem Masse.

Die meisten Konsumenten, die sich später völlig kostenlos am gesteigerten Klettergenuss in einer sanierten Klassikroute erfreuen können, sind sich gar nicht bewusst, wie viel Vorbereitung und Arbeit die Bereitstellung der heute üblichen Sicherheitsstandards im Gelände erfordern. Im Alpinismus hat - glücklicherweise - das reine Kostendenken die Begeisterung noch nicht ganz verdrängt. Bereits ist mit viel Engagement und Eigeninitiative einiges für die Sicherheit in diesem Bereich erreicht worden. Den hohen Ansprüchen an die Verfügbarkeit und an die Qualität dieser Infrastruktur stehen jedoch keine gesicherten Finanzierungs-modelle gegenüber. Mit der zunehmenden Verbreitung des Alpinsports auch in diesem Tätigkeitssegment wird man sich in den Alpinverbänden vermehrt mit der Frage auseinander setzen müssen, wie die erhöhten Ansprüche an die Sicherheit auch längerfristig finanziert werden können.

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