Schwitzen für den Kraftort Unterhaltsarbeiten am Salbitschijenbiwak

Um ein Biwak in Schuss zu halten, braucht es etwas Geld und viel freiwillige Helfer. Der Aufwand lohnt sich, wie ein Besuch in einer der schönstgelegenen Schweizer Unterkünfte zeigt.

Es gibt sie: Orte, die funktionieren wie Batterieauflade­sta­tio­nen. Manche nennen sie Kraftorte und haben dafür sogar eine Masseinheit entwickelt: Bovis-Einheiten. Auch der, dem das etwas gar feinstofflich vorkommt, wird die Wärme vom feinkörnigen, vom Sonnenlicht aufgeladenen Gotthardgranit spüren und sich der überwältigenden Wirkung hoher Felstürme in einer wilden Landschaft nicht entziehen können. Feinfühlige Radiästheten werden fünfstellige Bovis-Werte wahrnehmen. Geniessen können es alle.

Direkt unter dem Salbitwestgrat

Die Gegend rund um das Salbitschijenbiwak ist so ein Ort. «Es ist einfach schön hier», sagt der angehende Forstingenieur und Biwakchef Thomas Hediger. Er kommt vier-, fünfmal pro Sommer hierherauf, bestaunt das Panorama und wirft einen ehrfürchtigen Blick hinauf zum ersten Turm des Salbitwestgrates, der unmittelbar über dem Biwak aufragt. 35 Seillängen sind es, die Abseillängen nicht inbegriffen, ausgedehnte Stellen im sechsten Schwierigkeitsgrad, 10 bis 14 Stunden Kletterzeit. Ein absoluter Klassiker in bestem Fels. «Da ist man froh, frühmorgens schon am Wandfuss zu stehen», sagt der 22-jährige Alpinist aus Oberarth und wirft einen Blick ins Hüttenbuch. 78 Gäste haben sich eingetragen zwischen Anfang Juni und Anfang September: 28 Schweizer, 19 Deutsche, zwölf Briten, zehn Holländer, je zwei Italiener, Franzosen und Australier sowie ein Amerikaner. Die Gäste haben insgesamt 612 Franken und 140 Euro ins Kässeli gestopft. Einmal wurde Geld gestohlen, ansonsten ist das Salbitbiwak vor grösseren Vandalenakten verschont geblieben.

Mittlerer Wert

Allerdings tragen sich nur etwa die Hälfte der Gäste ins Hüttenbuch ein, schätzt Thomas Hediger. Als Indiz dient ihm die Schachtel mit den Kerzen. Vor drei Wochen hat er sie aufgefüllt. Eine der dicken Kerzen reicht, um die Hütte für eine Übernachtung zu erhellen. «Nun sind acht weg», rechnet er vor, «und acht Gäste haben sich eingetragen.» Eigentlich müssten es mindestens 16 Eintragungen sein, weil man den Salbitwestgrat in aller Regel zu zweit in Angriff nimmt. Demnach dürften jährlich rund 150 Personen im Salbitschijenbiwak nächtigen – das ist ein mittlerer Wert im Vergleich zu den anderen 15 SAC-Biwaks in der Schweiz.

Weitere wird es so schnell nicht mehr geben, weil der SAC entschieden hat, keine neuen Hütten in unerschlossenen Gebieten zu bauen. Biwaks aufzugeben, ist ebenfalls kaum ein Thema, solange das Geld reicht, um die Unterhaltskosten zu decken. Die sind tief, weil keine Löhne zu zahlen sind. «Selbstverständlich ist alles Freiwilligenarbeit», sagt Thomas Hediger: Gaskartuschen herauftragen, Handtücher wechseln, den Abfall entsorgen, putzen, technische Kontrollen durchführen. Auf dem Dach hat sich etwas Rost gebildet. «Das müssen wir beobachten», sagt der Biwakchef. Das Brett, das einige Meter von der Hütte weg in einer Felsnische als Sitzfläche für das Freiluft-WC dient, ist von Pilzen befallen und muss ersetzt werden. Keinerlei Probleme macht die Wasserversorgung – da es keine gibt.

Schmucklose Baracke

Es ist Mittagszeit, und gerade macht sich vor dem Biwak ein junges Pärchen aus Weissrussland bereit für den Einstieg in die Route KGB am dritten Westgratturm. Entweder sie sind brutal schnell und schaffen es tatsächlich, am selben Tag wieder ins Tal zu kommen, oder sie werden das Biwak, eine schmucklose Stahlplattenbaracke mit zehn Schlafplätzen, nicht verschmähen. Genau zu diesem Zweck wurde es von Mitgliedern der Sektion Mythen für 16 000 Franken gebaut und 1967 eingeweiht. 2006 wurde es renoviert und dafür ins Tal geflogen. Kostenpunkt: 24 000 Franken, Hunderte von Fronstunden nicht eingerechnet. Bezahlt hat das Ganze die Sektion. Seit 2010 führt der vielbegangene Salbitalpinklettersteig mit der spektakulären Hängebrücke direkt am Biwak vorbei. «Viele Zusatzübernachtungen bringt er dem Biwak aber nicht», sagt Thomas Hediger. «Die Route ist so angelegt, dass sich die Salbithütte und die Voralphütte als bewartete Übernachtungsorte anbieten.»

Hediger steigt an diesem Tag zusammen mit Hans Gisler wie die meisten Biwakbesucher nicht über die Salbithütte, sondern direkt von der Alp Horefelli im Voralptal über den schwach signalisierten Hüttenweg auf. Es sind Wegspuren mit Passagen im Schwierigkeitsgrad T5, die sich ein steiles Bachtobel hinaufziehen, bevor die Traverse der Spicherribichelen ansteht – eines Schlunds, der vor einigen Jahren bei einem Gewitter derart ausgeräumt wurde, dass sich mannshohe Felsen in der Voralpreuss wiederfanden. Im Rucksack verstaut sind deshalb Bohrer und Haken zum Sichern der Route, die in diesem Tobel immer wieder neu gelegt werden muss. «Auch Steinschlag ist hier ein Thema», sagt Thomas Hediger – zerrissene Stahlseile zeugen davon. «Neuerdings kommen Fototaschen- und Karabinerschlag von der nahen Klettersteigpiste hinzu», grinst der Biwakchef.

Verdiente Rast

Thomas Hediger und Hans Gisler sind an diesem Tag froh um jedes Halteseil auf dem Aufstieg. Auf die Rucksäcke der beiden haben sie je die Hälfte eines Holzbanks geschnürt, der in der Schreinerwerkstatt von Gisler fabriziert wurde. Gerne legen die beiden ihre schwere Last beim Biwak nieder. Einige Handgriffe später sitzen sie freudestrahlend auf dem neuen Bänkli. Der Aufstieg hat Kraft gekostet, aber die Freude über die Verschönerung «ihres» Biwaks gibt ihnen eine Energie zurück, wie sie mit Bovis-Einheiten nicht gemessen werden kann.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} 15 SAC-Biwaks

Biwaks liegen an exponierten, meist schwer zugänglichen Passagen. Wer etwas Einsamkeit und spezielle Erlebnisse sucht, wird hier fündig. Die Sektionen des SAC unterhalten 15 Biwaks, alle ehrenamtlich. Keines ist bewartet, bei allen sind luftige Standplätze und heimelige Selbstversorgeratmosphäre garantiert. Es ist Ehrensache, dass Berggänger die Übernachtung bezahlen und das Biwak sauber aufräumen.

Mehr Infos zu den Biwaks

Remo Kundert/Marco Volken: Hütten der Schweizer Alpen, SAC-Verlag, Bern 2015

sac-cas.ch/huetten

Aar (2731 m), 17 Plätze, sac-pilatus.ch

Aiguillette à la Singla (3179 m),12 Plätze, cas-chasseron.ch

Arben (3225 m), 15 Plätze, sac.zermatt.ch/arbenbiwak

Bouquetins (2980 m), 20 Plätze, cas-valdejoux.ch

Chalin (2595 m), 8 Plätze, cas-chaussy.chCol de la Dent Blanche (3540 m), 15 Plätze, http://cas-jaman.ch/

Dolent-La Maye (2667 m), 12 Plätze, cas-gruyere.ch

Grassen (2647 m), 18 Plätze, sac-engelberg.ch/grassenbiwak

Laggin (2428 m), 10 Plätze, section-monte-rosa.ch

Mischabeljoch (3833 m), 24 Plätze, sac-saas.ch/huettenhaupt.html

Mittelaletsch (3013 m), 13 Plätze, cas-diablerets.chRosenlaui (2330 m), 11 Plätze, sac-oberaargau.ch

Salbitschijen (2400 m), 10 Plätze, sac-mythen.ch

Schalijoch (3780 m), 8 Plätze, sac-basel.ch

Stockhorn (2598 m), 18 Plätze, sac-bluemlisalp.ch

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