Seilbahnwettrüsten oder «neuer Alpenwinter»?

Seit Mitte der Neunzigerjahre rollt eine Planungseuphorie für neue Bergbahnen und Skilifte über die Alpen. Gegenwärtig sind alpenweit 150 Projekte im Gespräch. Diese Planungen, die in auffälligem Gegensatz zur markant schwindenden Nachfrage im Skifahrermarkt stehen, haben unterschiedliche Gegenbewegungen hervorgerufen wie den «neuen Alpenwinter».

Einer der Gründe dürfte in der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession zu Beginn der Neunzigerjahre liegen. Zu deren Folgen, die sich in Randregionen wie den Alpen stark bemerkbar gemacht haben, kommen die Auswirkungen der Tourismuskrise mit Übernachtungs- und Umsatzrückgängen. Darauf haben die Bergbahnunterneh-men mit Investitionen in Neuerschliessungen und dem Ausbau der Infrastruktur reagiert - eine klassische Vorwärtsstrategie -, aber gleichzeitig auch den verschärften Konkurrenzkampf untereinander eingeläutet.

In der Schweiz stehen 20 aktuelle Ideen und Projekte an, die vier unterschiedliche Beweggründe haben.

Die Schnee- und Panoramasucher wollen mit der Erschliessung von hoch gelegenen Berggipfeln und Gletschergebieten die Schneesicherheit ihres Wintersportangebots erhöhen und die Saison verlängern. Daneben erhoffen sie sich von neuen «Top Sights» (Aussichtsgipfeln) zusätzliche Marketingeffekte wie beispielsweise die Erschliessung von Adelboden auf den Wildstrubel (3243 m).

Die Fusionierer möchten mit der Erschliessung von Zwischentälern einzelne Skigebiete zu ganzen Skiregionen verbinden, denn gemäss ihrer Theorie werden nur wenige Branchenleader überleben. Das bekannteste Beispiel dafür ist die geplante Skigebietsverbindung zwischen Arosa und der Lenzerheide durch das bisher unberührte Urdental in Graubünden.

Die Ländlichen erwägen den Bau von neuen Bahnen und Liften in bisher nicht für den Skitourismus erschlossene Regionen, um mit konventionellem Wintertourismus in diesen Randgebieten neue Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Beispiele sind die geplanten Skigebiete am Sidelhorn im Obergoms und am Schamserberg in Graubünden.

Einen gegensätzlichen Weg schlagen die Vor- und Umdenker ein. Sie verzichten aus finanziellen und ökologischen Gründen auf neue Skigebiete. Der damit verbundene Umdenkprozess in der Bevölkerung führt oft zu ganz neuen Formen der Entwicklung. Aktuelle Beispiele dafür sind Flühli-Sörenberg im geplanten Biosphärenreservat Entlebuch (LU), das Val Lumnezia in Graubünden und St-Martin im Unterwallis.

Selbst in klassischen Skiorten wie Grindelwald und Arosa spielen heute Aktivitäten, die ausserhalb des Pistenrummels stattfinden, eine massgebliche Rolle. Zum «neuen Alpenwinter» gehören Winterwandern, Schütteln, Schneeschuhwandern, Eis-laufen, Langlauf und Skitouren, die erwiesenermassen grosse Marktpotenziale haben. Für Winterwandern beispielsweise liegt dies im Zielmarkt Deutschland bei rund 9 Mio. Gästen, jenes der Skifahrer und Snowboarder lediglich bei 6 Mio. Gästen. Und selbst in der Skination Schweiz gibt es heute annähernd so viele Schlittel- begeisterte wie Skifahrer und Snowboarder.

Mit dem «neuen Alpenwinter» sollen aberweitere innovative, naturschonende Ideen zur Wertschöpfung entwickelt und umgesetzt werden, die dem Wettrüsten unter den alpinen Skiorten entgegenwirken.

Auch ein liberalisierter Markt ohne Subventionen der öffentlichen Hand könnte dämpfend auf verschiedene Projekte wirken. In diesem Sinne sollten bereits jetzt die Beiträge von Bund und Kantonen zum Ausbau der touristischen Infrastrukturen einer obligatorischen Prüfung unterzogen werden, einer Art «Nachhaltigkeits-Check».

Der Club Arc Alpin (CAA), der alpenweite Dachverband der Alpinistenvereine, hat einen weiteren konkreten Vorschlag entwickelt: Die Alpenländer sollen gemeinsam die Grenzen des Skigebietsausbaus festlegen. Eine jährliche Vergabe von Pis-tenflächenkontingenten und die internationale Angleichung von Umweltverträglichkeitsprüfungen könnten den Ausbaugelüsten entgegengesetzt werden. Damit wäre der Neubau von Pisten an einzelnen Orten nicht untersagt, müsste jedoch durch einen Rückbau an anderen Orten kompensiert werden. Der CAA fordert die Alpenstaaten auf, diesen Vorschlag im Rahmen der Alpenkonvention zu prüfen.

Die Haltung des SAC

Im SAC-Leitbild von 1995 steht der Grundsatz: «Die Erstellung neuer Infrastrukturen jeglicher Art in bisher unerschlossenen alpinen Landschaften bedarf einer sorgfältigen Güterabwägung.» Für die Erschliessung von Skigebieten wird diese Aussage eingeengt und in den «Richtlinien für den Schutz der Gebirgswelt» von 1991 gefordert: «Der Weiterausbau bestehender Skigebiete durch Kapazitätserhöhung von Bahnen ist unter Berücksichtigung der Folgeerscheinungen kritisch zu beurteilen. Die Erschliessung neuer Skigebiete ist abzulehnen.» An dieser klaren Haltung orientiert sich das Ressort Schutz der Gebirgswelt bei der Einschätzung von konkreten Projekten.

Jürg Meyer, SAC-Beauftragter Schutz der Gebirgswelt

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