Slacklinen – auf die Bänder, fertig, los! Eine neue Sportart erobert die Schweiz

Was vor über 40 Jahren im Yosemite Valley unter Kletterern als Zeitvertreib begann, erobert derzeit unter dem Namen « Slacklinen » die Schweiz. Ob Plaisir-Kletterer, Hockeygoalie oder Nonne – alle stehen auf das lose Band.

Am Anfang des Slacklinen stand die Langeweile. Jene Langeweile, welche die Kletterer der 60er-Jahre in ihren Camps im Yosemite Valley überkam, wenn der Regen auf die Zeltplanen trommelte. War der Fels zu nass zum Klettern, vertrieben sie sich die Zeit mit Geschick-lichkeitsspielen: Sie balancierten über Absperrketten oder Taue und trainierten mit ihrem Zeitvertreib en passant Gleichgewichtssinn und Konzentrationsfähigkeit. In den 80er-Jahren dann benutzten Kletterer statt der Ketten und Taue erstmals ihr eigenes Klettermaterial, und wenig später spannten Protagonisten aus derselben Szene im Yosemite Valley 900 Meter über dem Boden ein Band zur Felsnadel des Lost Arrow Spire. Der neue Sport, der derzeit die Schweiz erreicht, begann, selbstständig zu werden. Seit der Jahrtausendwende hat die Slackline – auf Deutsch: das lose Band – ihren weltweiten Siegeszug angetreten: Workshops für Klein und Gross werden angeboten, Handbücher zum Thema erscheinen, Kleinunternehmen und grosse Bergsportmarken wie Mammut produzieren Slacklines mit speziellen Spannvorrichtungen, Spitzensportler liebäugeln mit der neuen Trainingsform, und – untrügliches Indiz für Erfolg – Google zeigt zum Suchwort « Slackline » 367 000 Ergebnisse an.

Zwei, die diesen Trend in der Schweiz massgeblich fördern, sind Patricia Heiniger, tätig im Eventmarketing Ressort Leistungssport des Schweizer Alpen-Club SAC, und Matt Gehri, Schnee-sportlehrer und Grafiker. Beide bieten schweizweit Workshops für Slackliners an und beobachten dabei vor allem eines: eine enorme Neugier und Begeisterung für die losen Bänder, quer durch alle Bevölkerungsgruppen. « Während eines Workshops in Brig nahm sogar eine Nonne unsere Einladung zum Mitmachen an, zog die Schuhe aus und stieg auf das Band », berichtet Patricia Heiniger. Und Matt Gehri erzählt, wie eine pensionierte Dame bei einer Slackline-Veranstaltung in Freiburg ihren Mann bat, ihr die Hand zu reichen, um selbst erste Schritte auf dem Band zu gehen. Diese Beispiele veranschaulichen, dass längst nicht mehr nur Kletterer auf Slacklines balancieren. Vielmehr steigen laut Patricia Heiniger mittlerweile Interessierte aller Couleur auf die Bänder, unabhängig von Alter oder sportlichen Voraussetzungen. Dies zeigt sich auch an einem öffentlichen Workshop von Matt Gehri in Luzern: Teilnehmer Kurt Fürst, Teamfahrer am Swiss Inline Cup in der Kategorie Speed, übt die ersten Schritte auf dem Band in derselben Gruppe wie Evelyn Buri, Kostümschnei- Gehen auf dem Band: Die Sportart Slacklinen erobert auch die Schweiz. Foto: Car oline Fink derin am Luzerner Theater. « Die Bewegung beim Slacklinen fördert eine ähnliche Koordination von Schulter, Knie und Fuss wie das Inlineskaten », meint der Sportler – « es ‹fägt› einfach », sagt die Schneiderin.

Woher aber kommt sie, diese Freude und Neugier, die eine Slackline bei Jung und Alt weckt? Patricia Heiniger vermutet, der Grund sei im sozialen Aspekt und in den elementaren Bewegungsabläufen auf dem Band zu suchen. So gebe es « kein Richtig und Falsch », und man betreibe Slacklinen, ähnlich wie Bouldern, oft in einer Gruppe, schaue anderen zu, versuche es selbst und schwatze daneben über dieses und jenes. Ausserdem gehe es beim Slacklinen um das Erlernen einer elementaren Bewegung, vergleichbar mit den ersten Schritten eines Kleinkindes, mutmasst sie. Und solche Erlebnisse, so scheine es, blieben für jeden Menschen faszinierend.

Die Motivation für die Slackline machen sich indes auch Trainer von Spitzensportlern zunutze. So führte etwa Andy Jorns, Eishockeygoalie-Coach des SCB und des Hockey Club Ambri-Piotta und selbst Kletterer, die Slackline im Training seiner Athleten ein. Dort dient sie in erster Linie dem Training des Gleichgewichts. Denn oft fielen im Hockey Tore, so der Trainer, wenn ein Goalie in der Abwehrbewegung das Gleichgewicht verliere und die nächste Bewegung dem Wiederfinden des Gleichgewichts anstatt dem nächsten Abwehrversuch diene. Die sehr raschen Fortschritte auf dem Band steigerten zudem die Motivation seiner Schützlinge, mit dem Sportgerät zu trainieren, erklärt er weiter. Und nicht zuletzt mache die neue Trainingsmethode schlichtweg Spass: « Ich stelle die Slackline für die Goalies auf, und die Spieler wollen auch sofort draufstehen, ich stelle sie in meinem Garten auf, und das Quartier steht Schlange », erzählt er mit einem Schmunzeln.

Die Ausbreitung der Trendsportart Slacklinen in der hiesigen Bevölkerung und im Spitzensport scheint weiterzugehen. Ob sich diese tatsächlich etablieren kann oder zur Eintagsfliege verkommt, wird sich jedoch noch zeigen müssen. Matt Gehri geht heute davon aus, dass sie ihren festen Platz finden wird. « Im Leistungssport gehört sie schon länger zum Trainingsalltag und ist bereits nicht mehr wegzudenken », erklärt er. Dies hänge in erster Linie mit der Reihe von physiologischen und mentalen Faktoren zusammen, die sich auf dem Band in spielerischer Form trainieren liessen: Koordination, Kontrolle der Haltemus-kulatur, Körperspannung, Selbstvertrauen und Konzentrationsfähigkeit gehörten an erster Stelle dazu.

Wie auch immer Slacklinen sich als Breitensport entwickeln wird, dürften sich innerhalb der etablierten Szene in den nächsten Jahren spezifische Formen des Sports weiter herauskristallisieren. Einige davon zeichnen sich bereits heute ab: So gelten etwa die sogenannten Tricklines als klassische Allround-Bänder, Jumplines sind härter gespannt und dienen Sprüngen, Longlines sind über 25 Meter lang, Waterlines führen über das Wasser und bieten keine Bodenreferenz, und Highlines werden in grossen Höhen gespannt.

Besonders Letztere haben durch prominente Highliner wie Stephan Siegrist oder Dean Potter bisher am meisten Aufmerksamkeit generiert und gelten unter Slackliners aufgrund ihrer hohen mentalen Anforderungen als Königsdisziplin. Speziell das Bild und noch mehr die YouTube-Aufzeichnung des ungesicherten Dean Potter, der 900 Meter über dem Boden im Yosemite Valley auf einem Band zur berühmten Lost Arrow Spire wackelt, dürfte Zuschauern den Atem verschlagen und Highlines rund um den Globus bekannt gemacht haben. Um solche Höchstleistungen, die laut Patricia Heiniger mit Ueli Stecks Solo-kletterei vergleichbar sind, soll es jedoch weder in den Workshops von islack.ch noch von slacker.ch gehen. Vielmehr wollen beide Slackline-Profis vor allem das vermitteln, worum es den Slackliners der ersten Stunde im Yosemite Valley gegangen ist: die Freude an einem gemütlichen Zeitvertreib in der Gruppe. Oder noch einfacher: die Freude an der Freude.

 

 

Sicherheit

Für die neue Sportart empfiehlt es sich, auf ihre Sicherheit geprüfte Slackline-Sets inkl. Befestigungsschlingen, Karabinern und spezieller Ratschen zu erwerben.

Literatur

Fritz Miller und Franziska Friesinger: Slackline – Tipps, Tricks, Technik. Panico Alpinverlag 2009

Scott Balcom: Walk the Line: The Art of Balance and the Craft of Slackline. Slack Daddy Press 2005

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