Vom Bergler zum Unternehmer Die Schweizer Bergführer in verändertem Umfeld

Das Umfeld des Bergführerberufs hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Technisch hervorragende Fähigkeiten genügen nicht mehr, um all jenen Anforderungen gerecht zu werden, die die Kundschaft stellt. Darauf reagiert der Schweizerische Bergführerverband (SBV), indem er die Ausbildung entsprechend anpassen will.

Keiner spricht ein Wort. Nur die bedrohlichen Geräusche des nahen Gletschers, das Sprudeln des Baches und die Schritte von neun Paar Bergschuhen sind zu hören. Jeder stimmt sich auf seine Art auf den noch jungen Tag ein: Es ist 3 Uhr morgens, und wir sind von der Monzino-Hütte auf der Südseite des Montblanc unterwegs zum Brouillard-Gletscher. Über sein stark zerrissenes Eis steigen wir zum Innominata-Grat auf, der eigentlich gar kein Grat ist, sondern ein kompliziertes Hin und Her über 2500 Höhenmeter in Eis, Schnee, Fels, über Grate, Stufen und Flanken zum Gipfel des Montblanc – die richtige Tour, um die Fähigkeiten eines Bergsteigers im kombinierten Gelände auf die Probe zu stellen, und damit eine Reifeprüfung nach einer Ausbildungszeit, in der bereits viele anspruchsvolle Touren unternommen wurden.

Trotz der Stille scheint die Spannung greifbar, als wir uns auf dem Brouillard-Gletscher anseilen. Wir, das sind der Technische Leiter der Berner Bergführerkurse, Edi Bohren, Klassenlehrer Emanuel Wassermann mit seiner Klasse, die aus sechs Bergführer-Kandidaten besteht, und als Gast die Verfasserin dieses Artikels. Die Zusammensetzung der Klasse ist typisch für die Schweiz: drei sind «Romands», drei Deutschschweizer, davon einer aus der Stadt, zwei aus dem Berggebiet. Auch bezüglich Alter und Ausbildung gibt es grosse Unterschiede – vertreten sind Berufe wie Patrouilleur, Skilehrer, Journalist, Architekt. Wie hat Edi Bohren am Vortag gesagt? «Jeder Kandidat hat seine Vorgeschichte, seinen Beruf und seine Visionen – und manchmal auch seine Illusionen...»

Am Innominata-Grat bleibt keine Zeit, sich Illusionen hinzugeben. Der Aufstieg fordert ständige Konzentration, ausgefeilte Technik und Seilhandhabung und vom Vorsteiger eine geschickte Routenwahl. Verständlicherweise sind die Kandidaten nicht immer entspannt genug, um die wunderbaren Stimmungen wahrzunehmen – die Morgenröte hinter dem Peuterey-Grat; den in den ersten Sonnenstrahlen rot leuchtenden Brouil-lard-Pfeiler; den Tiefblick auf die bedrohlichen Gruber-Felsen und den Frêney-Gletscher, Schauplatz einer der Tragödien der Alpingeschichte; die Ästhetik der messerscharfen Verbindungsgrätchen, die für den Innominata typisch sind; unsere wie eine Himmelsleiter anmutende Spur durch das Schneefeld, bevor wir den Grat zum Montblanc de Courmayeur erreichen; den letzten Blick auf die wilde Welt seiner Südseite, bevor wir nach neun Stunden auf dem Montblanc (4807 m) stehen. Erst beim Abstieg, vorbei an Seilschaften, die herzlich wenig von Führungstechnik verstehen, fällt die Spannung ab – nicht nur von der Klasse selbst, sondern auch vom Klassenlehrer.

Später wird Emanuel Wassermann sagen: «Die Arbeit als Klassenlehrer ist sehr schwierig; besonders die Tatsache, dass während der Kurse gleichzeitig ausgebildet und geprüft wird. Als Klassenlehrer möchte ich möglichst viel Wissen vermitteln, helfen, auf eine kollegiale Art Impulse geben – und gleichzeitig muss ich bewerten, Noten erstellen.» Wassermann gehört der Arbeitsgruppe an, die sich mit der Reform der Ausbildung befasst – da er den «Beruf liebt und ihm eine Zukunft sichern möchte».

Warum eine Reform? Die technische Ausbildung der Schweizer Bergführer ist zweifelsohne sehr gut und kann mit derjenigen der Nachbarländer mithalten. Doch das Umfeld des Bergführerberufs hat sich stark verändert: Heute muss ein Bergführer nicht nur alpinistisch auf der Höhe sein, sondern auch grosse soziale Kompetenz aufweisen. Um auch als Unternehmer bestehen zu können, muss er in Marketing, im Umgang mit dem Gast ( z.B. finanzielle Vereinbarungen), in Umweltschutz-, Material-, medizinischen und rechtlichen Fragen und in Methodik und Didaktik ausgebildet sein.

Die Vielfältigkeit der Tätigkeit und die Konkurrenz (man denke an Canyoning oder Schneeschuhwandern) haben in den letzten Jahren zugenommen, was aber in der heutigen Ausbildung zu wenig berücksichtigt ist. Theoretische Themen werden lückenhaft behandelt und zu Randzeiten in die Kurse gezwängt. Edi Bohren, Vorsitzender der Technischen Kommission des Schweizerischen Bergführerverbandes (SBV), spricht deutliche Worte: «Es muss etwas ändern, die Theorie muss separat angeboten werden. Und nicht mehr abends improvisiert in einer Hütte vor todmüden Kandidaten.»

Würde die Theorie in Blockkurse ausgegliedert, in so genannte Module, käme dies letztlich der Praxis zugute. «Dann hätten wir mehr Zeit fürs Bergsteigen», meint Silvan Bordogna, Chef der SAC-Bergführerkommission und Ausbildner. Er ist sich mit vielen Klassenlehrern darin einig, dass es den Kandidaten heute oft völlig an Erfahrung im kombinierten Gelände, im Hochgebirge und auf Skitouren fehlt. Die Verlängerung der Ausbildung und ihre Aufteilung in Module würde dazu beitragen, dass vermehrt an den bergsteigerischen Fähigkeiten der Kandidaten und am Ausbau ihrer Erfahrung gearbeitet werden könnte. Hier setzt die diskutierte Umstrukturierung an: Als Erstes hat die vom SBV eingesetzte Arbeitsgruppe den Ist-Zustand der Bergführerausbildung festgehalten. Und zwar, auf Empfehlung des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT), bereits in Module unterteilt. Der Bergführerberuf ist vom BBT anerkannt, das seinerseits die Ausbildung von be-rufsübergreifenden Tourismus-Sport-fachleuten befürwortet. Ziel des SBV ist, eine tragende Rolle in einer solchen Ausbildung zu übernehmen und gemeinsam mit anderen, z.B. dem Verband der Schneesportlehrer, eine gesamtschweizerisch gültige Regelung zu finden.

Nach SBV-Geschäftsführer Wolfgang Wörnhard will «der Schweizerische Bergführerverband nicht reaktiv handeln, sondern in der Ausbildung wegweisend sein. Deshalb wollen wir als Verband erkennen, in welchen Bereichen die Ausbildung erweitert werden muss. In einem nächsten Schritt soll überlegt werden, welche Module auch für andere Ausbildungen, etwa für den Skilehrer, brauchbar sein könnten. Und umgekehrt, welche Berufe bereits Module anbieten, die für den Bergführerberuf interessant wären.» Weiter drängt sich bei einer Modularisierung die Frage auf, ob es Teilabschlüsse geben sollte – etwa Kletterlehrer oder Wanderleiter, die in einem klar definierten Bereich ihre Dienstleistungen gegen Entgelt anbieten könnten. Ein Thema, das in der Schweiz – auch unter Ausbildnern – nach wie vor kontrovers diskutiert wird.

Für Edi Bohren steht die Qualitätssicherung an erster Stelle. Es geht aber auch um zwei nur auf den ersten Blick gegensätzliche Aspekte: Einerseits soll die Ausbildung des SBV gegenüber anderen Institutionen bestehen können; anderseits soll die Zusammenarbeit mit in verwandten Bereichen tätigen Institutionen (Swiss Outdoor Association, Interverband für Skilauf usw.) verstärkt werden. Wie Emanuel Wassermann ausführt, haben sich die Voraussetzungen der Kandidaten verändert: Sie verfügen über eine gute berufliche Ausbildung oder haben gar selbst Erfahrung als Lehrende und stellen entsprechende Erwartungen an die Ausbildner. Für Wassermann ist deswegen die Ausbildung der Ausbildner ein zentraler Aspekt, der mit der Reform angesprochen werden muss. Genau hier setzt oft die Kritik frisch gebackener Bergführer an: Sie bemängeln das unterschiedliche Niveau der Klassenlehrer. Weitere Kritikpunkte sind das Fehlen einheitlicher schriftlicher Unterlagen für die Bergführerausbildung, das gleichzeitige Ausbilden und Prüfen während der Kurse, die ungenügend behandelte Theorie.

Gelobt wird dagegen das technische Niveau der Kurse, das von allen Beteiligten – Auszubildenden und Ausbildnern – auch für die Zukunft als zentrales Element angesehen wird. Nicht nur der Tag am Innominata-Grat ( im letzten Kursteil vor der Abschlussprüfung ), sondern auch ein Augenschein im Lawinenteil ( im ersten Kursteil ganz am Anfang ) zeigt, dass auf breiter Basis ausgebildet und geprüft wird und Spezialisten beigezogen werden – im Lawinenteil Werner Munter, im Sportkletterteil Experten wie Jürg von Känel, Andres Lietha oder Hanspeter Sigrist.

Eine Aussage machen mehrere Ausbildner: « Wenn der Kurs fertig ist, schütteln wir den ‹neuen› Bergführern die Hand, dann sehen wir sie nicht mehr! Nur selten trifft man junge Führer im Gelände mit Gästen an !» Dazu drängen sich grundsätzliche Fragen auf: Lassen sich viele Kandidaten nur oder vor allem aus Prestigegründen zum Bergführer ausbilden? Wie viele Bergführer sind lediglich im Nebenerwerb tätig? Wie steht es um die Bezahlung eines Bergführers? Für die ( insbesondere im Schnee und im kombinierten Gelände ) mit Gefahren an Leib und Leben verbundene, körperlich und psychisch anspruchsvolle Tätigkeit liegt das Tageshonorar für einen Bergführer in der Schweiz zwischen 400 und 600 Franken. Vergleicht man mit Berufen, die ähnliche Präsenz, Kompetenz und Risikobereitschaft verlangen, schneidet der Bergführer sehr schlecht ab. Sollte nicht auch hier ein Umdenken bei den Bergprofis und ihren Gästen stattfinden?

All diese Fragen sind weit weg, als wir zum Innominata-Grat aufbrechen, zu einem Tag voller Überraschungen, wie sie zum Alltag des Bergführers gehören: Er muss unterwegs immer wieder neu entscheiden, flexibel sein. Ein Alltag, der sich verändert hat, weg vom Klischee des urchigen Berglers hin zur Realität des modernen Unternehmers. Sein Bild wird sich auch in den nächsten Jahren weiter wandeln. Das Anpassen der an sich schon vielfältigen, anspruchsvollen Ausbildung vom starken Bergsteiger zum Bergführer ist die Voraussetzung dafür, dass der Bergführer trotz seiner guten Kondition nicht plötzlich den neuen Anforderungen, die an ihn gestellt werden, hintennachhinkt.

2. Jahr – Persönliche Praxis: Der erfolgreiche Absolvent des Kandidaten-kurses muss Erfahrung sammeln und seine Kenntnisse erweitern, bevor er zum zweiten Teil der Ausbildung antreten kann. Der Kandidat soll auf einer möglichst grossen Zahl von Ski-, Hoch-und anderen Touren (auch Weiterbildungskursen oder Sportkletterkursen) als Assistent unter Aufsicht verschiedener Bergführer arbeiten («Lernzeit» mit Lehrmeistern).

3. Jahr – Berufsprüfung: Die Berufs-prüfung für Bergführer und Bergführerinnen mit eidg. Fachausweis besteht aus den Teilen (Voraussetzung für Winterteil bestandene Kandidatenprüfung, für Sommerteil bestandene Vorprüfung) Winter (14 Tage, inkl. Vorprüfung ) und Sommer (rund 14 Tage plus 2 Tage Hauptprüfung)

Die Ausbildung wird im Turnus vom Berner Bergführerverband und den Kantonen Graubünden (Departement des Innern und der Volkswirtschaft Graubünden) und Wallis (Volkswirtschaftsdepartement des Kantons Wallis) angeboten. Der SAC beteiligt sich an den Kosten. Der SBV ist Anmeldestelle und führt die Ausbildungskontrolle.

Zurzeit ist die theoretische Ausbildung in die genannten Praxisteile integriert; mit einer Modularisierung würde sie erweitert und zum Teil in eigene Module ausgegliedert wie z.B. «Natur und Umwelt» und «Kommunikation, Tourismus, Recht». Die Ausbildung würde ausgedehnt von heute 765 auf ca. 875 Lektionen (von 76 auf rund 95 Ausbildungstage). Ziele der Modularisierung sind Qualitätssicherung in der Ausbildung; Nachweis von Teilqualifikationen, die in Kombination zum Berufsdiplom führen; Harmonisierung und berufsübergreifen-de Anerkennung von Modulen.

SBV: Schweizerischer Bergführerverband, Präsident Toni Fux, Hubelstr. 11, 3930 Visp; Geschäftsstelle: Wolfgang Wörnhard, Hadlaubstr. 49, CH-8006 Zürich, Tel. 01/360 53 66, Fax 01/ 360 53 69, E-Mail www.ch">sbv@awww.ch, Internet www.4000plus.ch

SVB: Schweizer Verband der Bergsteigerschulen, Präsident Beat Burgener, Tel. 027/473 28 03, Fax 027/473 28 55, E-Mail bburgener(at)dplanet.ch

Zahlen: Anfang 2001 gab es in der Schweiz 1375 Bergführer, davon 16 Frauen.

Auf der Geschäftsstelle des SAC findet am Donnerstag, den 2O. September 2001, um 18 Uhr, ein Infoabend für alle an der Ausbildung zum Bergführer Interessierten statt.

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