Von der Notunterkunft zur soliden Berghütte 150 Jahre Hüttenbau in den Alpen – 1. Teil

Dienten die ersten SAC-Hütten als Unterschlupf bei grossen Bergtouren, wandelten sie sich später zu soliden zweckmässigen Unterkünften für Bergsteiger und schliesslich zu immer komfortableren und besser ausgerüsteten Gaststätten für ein breites Publikum. Der Architektur- und Hotelhistoriker Roland Flückiger-Seiler zeichnet diese Entwicklung in zwei Beiträgen nach. Der erste beginnt bei den Anfängen des Hüttenbaus und führt bis zur Mitte des 2O. Jahrhunderts.

Die Geschichte des Alpinismus spiegelt sich auch in seiner Infrastruktur. So standen die ersten Beherbergungs-möglichkeiten in alpinen Gegenden in direktem Zusammenhang mit den seit alter Zeit begangenen Pässen. An diesen Übergängen entstanden im Mittelalter die ersten Hospize, die den noch spärlichen Reisenden bereits ein Nachtlager anboten. Das bekannteste geistliche Hotel der Schweiz findet sich auf dem Grossen St. Bernhard, an dem seit römischer Zeit begangenen Passübergang von Italien nach der Provinz Gallien ( Frankreich ). Vielerorts fehlten aber Unterkünfte in den alpinen Regionen. Wer in diese Gegenden vorstiess, hatte im Tal zu übernachten, war auf die Gastfreundschaft der Sennen angewiesen oder suchte in Höhlen und unter Felsvorsprüngen Zuflucht. Dies änderte sich erst im frühen 19. Jahrhundert, als an der Rigi, auf dem Faulhorn im Berner Oberland sowie am Rhonegletscher im Wallis innert kurzer Zeit zahlreiche Berggasthäuser entstanden. Neben diesen entstanden auch noch erste Unterkünfte im Hochgebirge selber, etwa 1827 auf der Mittelmoräne des Unteraargletschers durch den Solothurner Gletscherforscher Franz Joseph Hugi oder 1840 durch den Neuenburger Alpenforscher Louis Rodolphe Agassiz das sogenannte « Hôtel des Neuchâtelois » am Rand des Aletschgletschers. Beide Hütten dienten als Basislager für Gletscherforschungen. Auch der kurze Zeit später errichtete « Pavillon Dollfuss » im Lauteraargebiet, das Geschenk eines elsässischen Alpen-freunds, gehört noch zu den frühen alpinen Unterkünften vor der Gründung des SAC. In den meisten Gegenden mussten sich jedoch die Pioniere des Alpinismus noch einige Zeit mit einfachen Biwakplätzen unter überhängenden Felsen begnügen.

Mit der vermehrten Besteigung von Drei- und Viertausendergipfeln im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Bergtouren immer anspruchsvoller und länger. Es entstand das Bedürfnis nach neuen Unterkunftsmöglichkeiten im Hochgebirge, um die Strapazen einer langen Tour auf zwei oder mehrere Tage zu verteilen. Der 1863 gegründete SAC betrachtete deshalb den Bau von Unterkünften im Gebirge als eine seiner vordringlichsten Aufgaben. Jedes Jahr sollte mindestens eine neue Hütte gebaut werden. Noch im Gründungsjahr entstand die Grünhornhütte am Tödi als erste Unterkunft. Eine zeitgenössische Beschreibung charakterisiert sie wie folgt: « Unsere Clubhütte am Grünhorn besteht aus vier solid erstellten, ca. 4 Fuss dicken Mauern. [...] Vier Giebelbretter, in stumpfwinkligen Dreiecken zugeschnitten, gestatten, eine grosse rothe Harzdecke als Dach über die Mauern zu ziehen. Bei der Abreise wird diese Decke zusammengerollt und in der Hütte untergebracht. » Weitere einfache Unterkünfte kamen innert kurzer Zeit hinzu: 1864 als zweite Unterkunft des SAC die Trifthütte, ein kleiner Holzbau, und die Silvrettahütte am Rand des gleichnamigen Gletschers. 1867 folgte der Bau der Glärnischhütte, und im folgenden Jahr entstand am Fuss des Matterhorns die Cabane supérieur du Cervin, eine Notunterkunft an der Felswand. Bis 1890 errichtete der SAC in den Schweizer Alpen insgesamt 37 neue Unterkünfte, mehrheitlich im Gebiet zwischen dem Berner Oberland und der Ostschweiz. Die meisten entstanden als einfache Steinhütten mit Baumaterial aus der Umgebung. Ihre Lebensdauer war in der Regel sehr kurz, bis zur Jahrhundertwende waren die meisten bereits durch einen Neubau ersetzt. So musste die Trifthütte bereits nach drei Jahren einem Ersatzbau weichen, die Grünhornhütte wurde 1897 vollständig neu gebaut.

Bei der Standortwahl der ersten Hütten suchte man vor allem einen vor den Launen der Natur und der Witterung geschützten Standort. Oftmals entstanden die Bauten im Schutz eines grossen Felsbrockens, der gleichzeitig die Funktion einer Aussenwand übernahm. Schräge, an die Felswand gelehnte Dächer wiesen Lawinen über die einfachen Bauten hinweg. Die bauliche Analogie dieser alpinen Schutzhütten zu den frühen Unterkünften der alpinen Hirten ist auffallend.

In den späten 1880er-Jahren kam Bewegung in den Hüttenbau des SAC. Einer der wichtigsten Akteure war der Glarner Baumeister Julius Becker, der selber zahlreiche Hütten erbaute und reparierte. 1892 publizierte er seine Gedanken zur idealen Bauweise von SAC-Unterkünften, in der er auch aktuelle Neubauten mit Plänen vorstellte. Seine bevorzugte Bauweise war der Holzbau, den er wegen seiner Flexibilität anpries; diese Hütten konnten vorfabriziert und anschliessend ins Gebirge transportiert werden. Es war massgeblich Beckers Verdienst, dass sich der Holzbau im ausgehenden 19. Jahrhundert bei den neuen SAC-Hütten durchsetzen konnte. Bereits 1883 hatten die Führer im Oberhasli die Oberaarjochhütte als reine Holzkonstruktion erstellt. Danach konnte sich diese Bauweise sukzessive etablieren, seit 1902 entstanden nur noch Holzbauten. Bei der Glärnischhütte von 1885 typisch für die Phase um 1900 war auch, dass man die Hütten vermehrt auf exponierten graten und frei stehenden Plätzen erstellte, wie 1899 die Blümlisalphütte ( Hohtürlihütte ).

Die Zahl der Unterkünfte nahm im ausgehenden 19. Jahrhundert rasch zu, bis 1900 konnte der SAC bereits über 60 Hütten auflisten. Die meisten Bauten standen nun nicht mehr unter schützenden Felswänden. Ein Grat oder ein frei stehender Platz im Gebirge waren ebenfalls willkommen. Die Bauweise blieb aber immer noch äusserst bescheiden. Im Innern der Hütten fand sich neben den Liegepritschen in der Regel noch eine vor der Witterung geschützte Kochstelle .Viele Unterkünfte erhielten zwei Räume, wobei die Pritschen oft in einem Obergeschoss untergebracht wurden. Fliessendes Wasser und Strom waren in diesen Hütten noch ebenso wenig bekannt wie eine Heizung oder ein abgeschlossener Waschraum. In den Hüttenregeln von 1886 hiess es nur: « Die Nähe von Trinkwasser ist wünschenswert. »

Mit der Silvrettahütte und der Calandahütte von 1891 erschien ein besonderer Hüttentyp, der nur im östlichen Alpenraum Verbreitung fand: ein zweistöckiges, gemauertes Gebäude über rechteckigem Grundriss mit einem nur leicht geneigten Satteldach. Später entstanden in dieser Art noch die Raschèrhütte ( 1895 ) und die Tschiervahütte (1899)

Im frühen 2O. Jahrhundert finden sich in der Baukunst vermehrt Gestaltungselemente, die einen Bezug zur traditionellen regionalen Bauweise suchen. Dieser aufkommende Heimatstil erhielt seine engagierte Unterstützung durch den 1905 gegründeten Schweizer Heimatschutz. In dieser Zeit lässt sich auch im Hüttenbau des SAC ein entsprechender Entwicklungsschritt beobachten, der vor allem die Fassadengestaltung beeinflusste. Der Weg führte vom ehemals einfachen Holzbau der Jahrhundertwende zum Steinbau mit traditionellen Gestaltungselementen nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Fassaden mauerte man nun aus Quadersteinen mit teilweise rustikal behauenen Oberflächen. Das Satteldach dominierte den Hüttenbau weiterhin, es wurde nun aber vermehrt mit Eternit, dem damals modernsten Baumaterial, oder mit Blech eingedeckt. Die 1912 eröffnete Capanna Campo Tencia war der erste solche Steinbau. Bereits im nächsten Jahr folgte die Läntahütte. Entscheidende Förderung erhielt dieser neue Hüttentyp durch den Zürcher Baumeister und Stadtrat Gustav Kruck, der bei etlichen Bauten als Unternehmer selber beteiligt war. Für deren Ausgestaltung zog er auch bekannte Architekten bei, wie die Gebrüder Pfister für die Cadlimohütte ( 1916 ), Edwin Dubs für die Voralphütte ( 1920 ) und Heinrich Bräm für die Albert-Heim-Hütte ( 1918 ), die Domhütte ( 1919 ) sowie die Kröntenhütte ( 1921 ). Diese Bauweise dominierte in der Folge während Jahrzehnten den Hüttenbau in den Schweizer Alpen, sodass sie gewissermassen als SAC-Hütte der ersten Hälfte des 2O. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Einige Unterkünfte haben sich bis heute in unveränderter Erscheinung erhalten, beispielsweise die Cabane de l' A Neuve von 1927 im Val Ferret, die Hüfihütte von 1937 im Urnerland, die Cabane de Chanrion von 1938 am Lac Mauvoisin, die Claridenhütte von 1943 im Glarnerland, die Ramozhütte von 1945 im Schanfigg, die Rothornhütte von 1948 bei Zermatt oder die Gspaltenhornhütte von 1952 im Blüemlisalpmassiv. Als eine der letzten Hütten in dieser Bau weise wurde 1984 die neue Almagellerhütte im Saastal eröffnet. Nur vereinzelte Hütten entsprachen nicht diesem eigentlichen Einheitstyp. So erhielt die 1917 nach einem Lawinenniedergang von den Churer Architekten Schäfer & Risch neu aufgebaute Calandahütte eine verputzte Fassade mit Zierformen und trichterförmigen Fenstern. Der mit dem Neubau der Fridolinshütte beauftragte Glarner Architekt Hans Leuzinger entwarf 1921 noch einen Bau im traditionellen Stil mit Satteldach, 1929 hingegen erhielt seine neue Planurahütte ein Pultdach sowie einen bananenförmigen Grundriss. Diese neuartige Bauform sowie Vorstudien mit polygonalem Grundriss für das kurz danach erbaute Ortstockhaus in Braunwald waren Wegbereiter für die polygonalen Grundrisse des Architekten Jakob Eschenmoser drei Jahrzehnte später.

In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden nur wenige neue SAC-Hütten. Charakteristisch für diese Zeit ist etwa das vermehrte Auftreten von Holzfassaden, kombiniert mit dem traditionellen Bruchsteinmauerwerk, wie bei der Hundsteinhütte von 1959. Typisch für die Architektur der späten 1960er-Jahre sind die asymmetrischen Satteldä-cher ohne Dachvorsprung, bei denen die Eterniteinde-ckung direkt in die Fassade übergeht. Diese Bauweise findet sich etwa bei der Bergseehütte von 1966 oder der Ringelspitzhütte von 1969.

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