Walter Bonatti ein Mythos entsteht

Vor 30 Jahren konnte ein junger Alpinist auf der Suche nach Bezugspunkten der Anziehungskraft des berühmten italienischen Bergsteigers Walter Bonatti nicht entgehen. Wer sich vom grossen, klassischen Bergsteigen und vom totalen Engagement angezogen fühlte, für den drängte sich Walter Bonatti als höchste Referenz und perfektes Idol geradezu auf.

Mit 19 Jahren gelingt ihm in den Dolomiten die zweite Begehung der sehr schwierigen «Detassis-Route» in der Südwand des Croz dell'Altissimo. Im gleichen Jahr durchsteigt er mit Andrea Oggioni, der zu seinen treusten Seilgefährten zählt, die Nordwand der Grandes Jorasses. Am frühen Morgen des 2O. Juli 1951 steigen Walter Bonatti und Luciano Ghigo in die Ostwand des Grand Capucin ein. Sie benötigen drei Biwaks, um diese heiss umkämpfte Erstbegehung durchzuführen. Ihre Leistung stellt eine historische Etappe in der Geschichte des Alpinismus dar. In der Tat setzt Bonatti dabei die Techniken des freien und künstlichen Kletterns, wie sie zuvor in tiefer gelegenen Wänden entwickelt wurden, auf grosser Höhe um. 1953 durchsteigt Walter Bonatti in Begleitung von Carlo Mauri im Winter die Nordwände der Grossen und - erstmals - jene der Westlichen Zinne.

Bonatti, erst 23-jährig, weist bereits eine aussergewöhnliche Liste von Touren vor. Doch das Leben ist nicht einfach. Eine Zeit lang verfolgt er die Ausbildung zum Techniker, die ihn alles andere als begeistert. Beim Nachdenken über seine Existenz drängt sich ein Beschluss auf: Er will von nun an ganz in den Bergen leben!

1955 erhält Bonatti das Bergführerdiplom geschenkt, ohne dass er die Ausbildungskurse besuchen muss. Das ist ein Jahr nacn der italienischen Expedition auf den K2 (8611 m). Dort ist er der jüngste Teilnehmer. Diese Expedition prägt den Charakter des jungen Manns zutiefst: Mit seinem Biwak auf über 8000 Metern bei starkem Wind, ohne Zelt oder andere geeignete Ausrüstung trägt Bonatti dazu bei, dass die Grenzen der menschlichen Widerstandskraft neu definiert werden. Dieses schreckliche improvisierte Biwak, gemeinsam mit dem pakistanischen Hochträger Mahdi, übersteht Bonatti; doch es bringt viel Tinte zum Fliessen... ausgelöst durch die unklaren Rivalitäten unter den Männern der Expedition. Die knapp über.ebten Leiden, die Enttäuschung in Bezug auf den Begriff Freundschaft und die Polemiken tragen dazu bei, dass Bonatti im Jahr darauf das Projekt seines Alleingangs am Petit Dru in Angriff nimmt.

Zweifelsohne ist Bonattis Erstbegehung des Südwestpfeilers des Petit Dru im Alleingang eine der grössten alpinistischen Glanztaten. Doch die Leistung an sich ist das eine; ihre wirkliche Bedeutung liegt anderswo: in den versteckten Räumen der Seele, in der Kraft der Selbstbeherrschung. Die sechs Tage am Dru-Pfeiler sind eine einzige grosse Reise in sein Inneres - und widerspiegeln die perfekte Harmonie aller Sinne, die Magie des Anpassungsvermögens.

Auf rein technischer Ebene muss man sich das Material jener Zeit in Erinnerung rufen und daran denken, dass Bonatti sich immer geweigert hat, Bohrhaken zu verwenden oder eine Wand vor der Begehung einzurichten und vorzubereiten.

Nach dem Pfeiler folgt ein grosses Unternehmen nach dem andern: zuerst die Winterbegehung des Brenva-Sporns am Montblanc im Dezember 1956; eine dramatische Tour, von der zwei unterwegs dazugestossene Gefährten nicht mehr zurückkehren; 1957 dann die grossen noch unberührten Wände des Pilier d' Angle, wo er in der Folge drei Routen eröffnet, die zu den extremsten jener Epoche zählen und von denen er jene durch die Nordwand als seine schwierigste Neutour überhaupt bezeichnet.

Nach einem Zwischenspiel in Patagonien wird Walter Bonatti wieder für eine Himalaya-Expedition zum Gasherbrum IV (7980 m) vorgesehen, die von Riccardo Cassin geleitet wird. Walter Bonatti und Carlo Mauri stehen am 6. August 1958 um 12.30 Uhr auf dem Gipfel.

1959 führt Bonatti zusammen mit Oggioni die Erstbegehung des Pilier Rouge im Brouillard-Becken aus. Der Rückzug über den Pfeiler und über den von riesigen Mengen Neuschnee bedeckten Brouillard-Gletscher bei einem ersten erfolglosen Versuch bereitet ihnen grosse Schwierigkeiten. Im gleichen Jahr eröffnet er mehrere Routen am Gruetta, in der Südwand des Mont Maudit und in der schönen Nordwestwand der Grivola. Erschliesst es ab mit der ersten Begehung im Alleingang der «Major-Route» am Montblanc. 1961 ist die Zeit reif für die Erstbesteigung des Nevado Rondoy Norte in der Cordillera Huayhuash in den peruanischen Anden.

Während all dieser Jahre übt Walter Bonatti einen Alpinismus auf höchstem Niveau aus, und dies oft bei schwierigen Bedingungen. Engagement und Einsatz heissen bei ihm, dass es keinen Platz für körperliche Schwächen gibt. Dazu kommt, dass man mit nur ungenauen Wettervorhersagen in die grossen Wände einsteigt und mit den damals gebräuchlichen Techniken beim Klettern eher langsam vorankommt. Die Kleidung ist noch ziemlich rudimentär, vor allem was die Schuhe angeht, und Erfrierungen sind keine Seltenheit.

Juli 1961, die Tragödie am Frêney-Zentralpfeiler: schwarze Tage in der Geschichte des Alpinismus! Zwei kleine Gruppen, die eine bestehend aus den Italienern Roberto Gallieni, Andrea Oggioni und Walter Bonatti, die andere aus den Franzosen Antoine Vieille, Robert Guillaume, Pierre Kohlman und Pierre Mazeaud, planen die Erstbegehung des Frêney-Zentralpfeilers am Montblanc. Am zweiten Tag sind die Kletterer schon hoch oben am Pfeiler. Infolge eines katastrophalen Wettersturzes mit Gewittern fällt innerhalb von weniger als 48 Stunden ein Meter Neuschnee! Eine kurze Aufhellung gibt ihnen die Hoffnung, die letzten 80 Meter des Pfeilers zu überwinden. Vergeblich! Ein weiteres Gewitter von ungeheurer Wucht überfällt die sieben Alpinisten. In ihre Gedanken zurückgezogen harren sie drei Tage mitten im Sturm aus - bis der Rückzug unvermeidbar wird.

Bonatti übernimmt die Führung auf diesem schwierigen Rückzug, der die Männer über die Gruber-Felsen, den Frêney-Gletscher und den Col de l' Innominata in die Gamba-Hütte ( heute ersetzt durch die Monzino-Hütte ) bringen soll. Die Wetterbedingungen während des Abstiegs sind fürchterlich. Die letzten Kräfte der vor Müdigkeit trunkenen Männer erlöschen - und schliesslich überleben nur Bonatti, Gallieni und Mazeaud. Diese Tragödie löst eine Lawine von Polemiken aus, sodass für Bonatti der Rückzug vom Frêney-Pfeiler vorläufig kein Ende findet.

Nach einer Zeit der Erholung von Körper und Geist wendet sich Bonatti wieder dem Pilier d' Angle zu und durchsteigt 1964 die eindrucksvolle Nordwand der Grandes Jorasses erstmals über den Whymper-Pfeiler, und zwar zusammen mit dem Genfer Bergführer Michel Vaucher.

In jener Zeit beginnt Bonatti, der aus dem Bergführerverein ausgetreten ist, intensiv Sinnfragen nachzugehen, in denen sich persönliche Überzeugung und philosophische Fragen vermischen. So zieht er schliesslich -als eine Art Abschied vom extremen Bergsteigen - seine letzte grosse Neutour auf einer direkten Linie durch die Nordwand des Matterhorns: allein und im Winter! Technisch gesehen ist diese im Februar 1965 eröffnete Route unter die schwierigsten kombinierten Klettereien jener Zeit einzustufen.

Von da an zieht sich Walter Bonatti aus der Welt des extremen Alpinismus zurück. Eine grosse Zeitschrift bietet ihm die Möglichkeit, seinen Durst nach Reisen als Reporter zu stillen. Abgesehen von seinen Artikeln und einigen sehr schönen Büchern bleibt es um den Menschen Bonatti still. Das Bergsteigen ändert sich in der Folge sehr schnell, und die Aussagen des berühmten Alpinisten werden selten und spärlich.

Lassen wir ihm das letzte Wort: «Es sind nun diese neuen Ziele, die ich mir mehr als alles andere wünsche. So werde ich durch grosse Wälder, durch ferne Wüsten und Meere ziehen, ich werde verlorene Inseln, märchenhafte Wasser aufsuchen, wunderbare Berge und Vulkane ersteigen, eisige Gegenden bereisen, primitive Völker, wilde Tiere und die Überreste untergegangener Kulturen besuchen. All dies werde ich im Geist und innerhalb der Grenzen unternehmen, die mich auch auf alle Gipfel begleitet haben.»1

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