Zankapfel Heliskiing Schmerzhafter Spagat

Die Fliegerei im Gebirge bewegt den SAC seit Jahrzehnten. Auf der einen Seite hat sich die Abgeordnetenversammlung  (AV) in den Umweltrichtlinien für eine Beschränkung des Heliskiing ausgesprochen. Die Sektion Uto möchte es an gewissen Orten sogar ganz verbieten. Auf der anderen Seite kämpfen die Sektionen Monte Rosa und Zermatt für den Status quo und wollen den Erhalt der bestehenden Gebirgslandeplätze. Im Namen der Redaktion der ALPEN bat Heinz Schild (1) Vertreter dieser Parteien an den runden Tisch.

Heinz Schild: Der SAC in seiner Rolle als Nutzer und Schützer der Alpen ist in einer heiklen Doppelrolle. Seit einiger Zeit widerspiegelt sich dies in der Auseinandersetzung ums Heliskiing. Was ist die Position des Zentralvorstandes?

Frank-Urs Müller: Die klassische Doppelrolle des SAC als Nutzer und Schützer akzentuiert sich beim Heliskiing oder vielmehr beim Helikopter. Wir sind für die Versorgung der Hütten und für die Bergrettungen auf Helikopter angewiesen. Aber das Heliskiing und die touristische Fliegerei haben für uns keinen direkten Nutzen. Deshalb stützt sich der Zentralvorstand (ZV) bei seiner Stellungnahme zu den Gebirgslandeplätzen auf die von der Abgeordnetenversammlung beschlossenen Umweltrichtlinien. Dort heisst es: «Der SAC setzt sich für eine generelle Beschränkung und Lenkung der touristischen Motorfliegerei im Gebirge ein, namentlich des Heliskiing.»

Wie verbindlich sind diese Richtlinien?

Frank-Urs Müller: Sie haben generellen Charakter, es sind Forderungen wie etwa die Aufhebung der Gebirgslandeplätze in den Gebieten des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN). Man kann aber nicht sagen, dass sie im SAC Gesetzescharakter haben wie beispielsweise das Hüttenreglement.

Weshalb setzen Sie sich fürs Heliskiing ein, Peter Planche?

Peter Planche: Als es um den Neubau der Monte-Rosa-Hütte ging und wir Sponsoren aus der Region brauchten, mussten wir uns wegen der Position, die der SAC in den Verhandlungen mit dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) eingenommen hat, kritische Fragen anhören. Es hiess: Auf der einen Seite wollt ihr unsere Unterstützung. Auf der anderen Seite gräbt uns der SAC das Wasser ab, wenn es ums Heliskiing geht und selber organisiert der SAC viele Heliflüge für seine Hütten.

Es gibt Bergsportler, die Action wollen, und dann gibt es andere, die Ruhe und Erholung suchen. Birgt das nicht Konfliktpotenzial?

Peter Planche: Das Heliskiing ist in der Walliser Bergwelt ohne Weiteres verträglich. Verdienstmöglichkeiten sind damit verbunden. Es ist doch klar, dass wir uns für die Interessen unserer Mitglieder und unserer Bevölkerung wehren. Wenn es um Ruhe geht, dann soll man darüber reden. Dann müssen aber die Armee und andere Lärmerzeuger in den Bergen und auf den Alpenpässen mit einbezogen werden.

Karl Schmidhalter: Es hat für alle Platz. Im riesigen Monte-Rosa-Massiv kommen sich die Tourenskifahrer und die Heliskifahrer kaum in die Quere. Also stört das auch nicht.

Frank-Urs Müller: Der ZV hat einen Vorschlag gemacht, mit dem alle leben können sollten. Im Übrigen ist das Verfahren über die Gebirgslandeplätze noch in der Mitwirkung. Entschieden ist noch nichts.

Ernst Rota: In der Sektion Uto, aber auch in den Sektionen Bern, Biel, Basel und Aarau ist die Sache klar. Rund 90% der Antwortenden einer Umfrage der SAC-Sektion Bern sind gegen das Heliskiing in geschützten Gebieten.

Die Sektion Uto möchte Heliskiing an gewissen Orten verbieten. Warum? Ernst Rota: Uns geht es um den Schutz der Gebiete, die zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (2) gehören oder zum UNESCO-Weltnaturerbe zählen.

Peter Planche: Zermatt und das Monte-Rosa-Gebiet sind keine BLN-Gebiete (3). Darum verstehen wir das Vorgehen des Zentralverbandes (ZV) nicht.

Frank-Urs Müller: Der SAC hat in Zermatt die Schaffung von Flug- und von Ruhesektoren vorgeschlagen. Auf der einen Seite des Tales sollte es Gebirgslandeplätze geben, dort kann geflogen werden, so viel man will. Auf der anderen Seite dagegen soll Ruhe herrschen. Im Übrigen ist ja der SAC nicht für ein generelles Verbot des Heliskiing.

Karl Schmidhalter: Die Gemeinden, die Leistungsträger im Tourismus, aber auch die lokalen SAC-Sektionen unterbreiteten einen anderen Vorschlag: die zeitliche Beschränkung der Flüge. Die Landeplätze sollen erhalten bleiben. Aber der ZV beharrt auf der Ruhezone und auf den Flugzonen. Die Bevölkerung ist dagegen. Der ZV kann von uns nicht verlangen, dass wir diese Haltung teilen und nach aussen vertreten.

Frank-Urs Müller: Im SAC ist der Zentralverband für Stellungnahmen zuständig, das ist in den Statuten geregelt, der ZV ist auch im Rahmen des Verbandsbeschwerderechts einspracheberechtigt.

Verstehe ich das richtig: Der ZV ist nicht gegen Heliskiing, aber er will eine Regulierung?

Frank-Urs Müller: Der SAC setzt sich für eine Beschränkung des Heliskiing ein. Ich möchte gerne wissen, wessen Interessen ihr von den Sektionen Zermatt und Monte Rosa vertretet? Die SAC-Sektionen geht Heliskiing ja eigentlich gar nichts an.

Peter Planche: Im Wallis hat eine Ortsgruppe der Sektion Monte Rosa einstimmig entschieden, dem Sektionsvorstand Folgendes zu beantragen: «keine Reduktion, aber auch keine Ausweitung der Gebirgslandeplätze». Der Sektionsvorstand und auch die Präsidentinnen und Präsidenten aller Ortsgruppen haben diesem Antrag einstimmig zugestimmt.

Ernst Rota: Ich habe Verständnis für eure Anliegen, aber der SAC hat 120000 Mitglieder. Ich bin sicher, die Mehrheit ist für den Schutz der Gebiete. Warum stellt ihr als befürwortende Sektion keinen Antrag an die Abgeordnetenversammlung, die Umweltrichtlinien zu ändern? Dort könnt ihr versuchen, eine Mehrheit zu gewinnen, und dann könnte man das Heliskiing generell zulassen.

Wie gross ist der ökonomische Nutzen des Heliskiing?

Peter Planche: Durch das Heliskiing können die Piloten Landungen im Gebirge trainieren, was wichtig und notwendig ist für die Sicherheit bei Rettungseinsätzen. Dank den Einnahmen aus Rundflügen und Heliskiing können die Heliunternehmen die Versorgungsflüge zu den Hütten zu einem vernünftigen Preis anbieten. Wie wir sind auch alle anderen hüttenbesitzenden Sektionen auf dieses Transportmittel angewiesen.

Ernst Rota: Es gibt Schätzungen: Schweizweit werden etwa 5% des Umsatzes von Helifirmen mit Heliskiing generiert. Der Verkehrsclub der Schweiz redet in seiner aktuellen Kampagne von etwa 12000 Heliskiingflügen pro Jahr (4) Bei einzelnen Unternehmen, wie etwa der Air Zermatt, sind es 15%. Das ist doch ein ansehnlicher Anteil.

Karl Schmidhalter, was sagen Sie dazu?

Karl Schmidhalter: Heliskiing ist ein Nischenprodukt, aus wirtschaftlichen Gründen wollen wir darauf nicht verzichten. Es verfügt über eine anständige Wertschöpfung für die Air Zermatt. Aber auch Bergführer, Restaurateure, Hoteliers und die Parahotellerie profitieren.

Gibt es im SAC eine Kluft zwischen den Bergsektionen und jenen des Unterlandes?

Peter Planche: Ja, anscheinend gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Die Flachlandsektionen wollen sich in Angelegenheiten der Bergsektionen einmischen und schaden dadurch der betroffenen Bevölkerung. Das können wir nicht akzeptieren.

Ernst Rota: Das trifft zu. Wir aus dem Unterland befriedigen unser Bedürfnis nach Ruhe in den Bergen. Im Unterland tragen wir den Ressourcen kaum Sorge. Dass alles verbaut wird, ist leider eine Realität. Aber die Menschen beginnen, anders zu denken, sie achten verstärkt auf den Umweltschutz. Interessenkolli-sionen mit der in den Bergen lebenden und arbeitenden Bevölkerung sind kaum vermeidbar und gemeinsam zu lösen.

Karl Schmidhalter: Was würdet ihr denn sagen, wenn wir gegen ein Projekt im Mittelland intervenieren würden? Das Gegenteil soll aber erlaubt sein? Das verstehe ich nicht.

Ernst Rota: Wir aus dem Unterland haben eine Sehnsucht nach intakter Umwelt, und die suchen wir in den Bergen. Dass die Menschen Druck machen, ist eine Realität, mit dem müsst ihr umgehen. Wenn wir uns gegenseitig beschimpfen, löst das den Konflikt nicht. Es gibt also Druck aus dem Unterland für mehr Umweltschutz, auf der anderen Seite profitieren die Bergregionen von den Gästen.

Wo ist denn der gemeinsame Nenner im SAC?

Peter Planche: Wenn der ZV nicht bloss einen Teilbereich herauspickt, sondern sich gegen den Lärm insgesamt wehrt, sind wir einverstanden. Die Meinung der betroffenen Sektionen ist vorgängig einzuholen und entsprechend zu gewichten.

Frank-Urs Müller: Die Lärmproblematik in den Bergen ist enorm. Es geht nicht nur ums Heliskiing, sondern auch um Flächenflugzeuge und das Militär, aber von denen redet keiner. Der ZV findet, dass vier Landschaftsruhezonen (5) zu wenig sind. Wir verlangen die ursprünglich vorgesehenen zwölf.

Karl Schmidhalter: Das Heliskiing wird in der Debatte um den Lärm hochgespielt. Von den 42 Gebirgslandeplätzen sind nur etwa 13 in nicht erschlossenem Gebiet und somit interessant fürs Heliskiing.

Ich frage erneut: Wo ist ein Konsens möglich?

Karl Schmidhalter: Vier von den sechs Landeplätzen, also Alphubel, Monte Rosa, Trift und Aeschhorn, sollen nur vom 1.Dezember bis 30.April genutzt werden. Das Tal in eine Ruhe- und eine Flugzone zu trennen, das wollen wir nicht.

Frank-Urs Müller: Der ZV hat sich für die Sektorenvariante entschieden und dies in der Mitwirkung verlangt...

Karl Schmidhalter: ...und unser Vorschlag wurde nicht mitgeschickt. Ihr habt uns übergangen.

Frank-Urs Müller: Unser Vorschlag wurde vom BAZL ja auch nicht aufgenommen.

Spürt der Zentralverbandspräsident Druck seitens der Sektionen?

Frank-Urs Müller: Ja. Wir stehen in der Mitte, die Sektionen Monte Rosa und Zermatt sind fürs Heliskiing. Auf der anderen Seite verlangen andere Sektionen: Haltet euch an die Richtlinien. In der Region Aletsch-Susten liegen sieben von neun Landeplätzen in BLN-Gebieten. An sich müsste der ZV die Aufhebung verlangen. In den Umweltrichtlinien steht ja, dass sich der SAC für die Aufhebung der Landeplätze in und nahe bei Schutzgebieten einsetzt. Der ZV ist den Reglementen, die von der AV beschlossen wurden, verpflichtet. Wir sind aber der Meinung, dass es im Rahmen einer Richtlinie auch Spielraum gibt.

Ernst Rota: Ich habe mit verschiedenen Sektionspräsidenten gesprochen, und der Tenor war klar. In den BLN--Gebieten und in den Ruhezonen soll man durchgreifen. Ist der Umweltgedanke für die Walliser Sektionen ein rotes Tuch?

Karl Schmidhalter: Nein. Aber wenn wir das Thema Heliskiing unter dem Aspekt Umweltschutz betrachten, steht es in keinem Verhältnis zu anderen Themen, etwa zum Verbrauch eines Grossraumflugzeugs. Fliegt ein solcher Jet nach Südamerika und zurück, braucht er mehr Treibstoff, als wir in einem Jahr fürs Heliskiing brauchen.

Peter Planche: Man soll nicht meinen, wir tragen zu unseren Bergen keine Sorge. Wir geben viel Geld aus für die Sanierung der Hütten. Die Schutzzonen fürs Wild werden respektiert. Beim Heliskiing wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Es gäbe Wichtigeres.

Ich möchte zusammenfassen: Weder die Position des SAC noch die der Oberwalliser Sektionen wurden vom BAZL aufgenommen. Aber es gibt im SAC Streit ums Heliskiing. Was lernen wir daraus?

Karl Schmidhalter: Man sollte unsere Anliegen mehr wahrnehmen. Wir leben in einer Bergregion und sind auf sich bietende Verdienstmöglichkeiten wie Heliskiing angewiesen.

Peter Planche: Ich erwarte, dass man unsere Ansichten wahrnimmt und Informationen früher austauscht.

Ernst Rota: Ich möchte, dass die Diskussion versachlicht wird, jetzt sind die Fronten verhärtet. Man muss den Dialog pflegen und offensiv informieren. Die Standpunkte müssen klar dargelegt werden, und ein Ausgleich der Interessen ist aktiv zu suchen.

Frank-Urs Müller: Ich gebe zu, wir hätten früher mit euren Sektionen reden können. Jetzt ist die Debatte in Zermatt gelaufen. Bei den Gesprächen in der Region Aletsch-Susten haben wir noch vor der Diskussionsrunde mit dem BAZL die Betroffenen an einen Tisch gebeten, und wir haben die Stellungnahme ans BAZL gemeinsam verfasst. Das werden wir im Unterwallis gleich machen.

(1) Heinz Schild war vor seiner Pensionierung Redaktor bei Schweizer Radio DRS.

(2) Das BLN umfasst vier Arten von Objekten: einzigartige Landschaften wie die Oberengadiner Seen oder das Matterhorn, für die Schweiz typische Landschaften wie den Chasseral, Erholungslandschaften wie das Lötschental und einzelne Naturdenkmäler, wie etwa Findlinge.

(3) Der Gebirgslandeplatz Monte Rosa liegt im BLN-Gebiet Nr. 1707 Dent Blanche-Matterhorn-Monte Rosa (Anm. der Redaktion).

(4) Gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Zivilluftfahrt BAZL (publiziert 2003) werden jährlich 12000 Heliskiingflüge durchgeführt. Hinzu kommen etwa 3000 andere Rundflüge, Gletscher-apéros oder Flüge für Hütteneinweihungen sowie etwa 50000 Ausbildungs- und Trainingsflüge mit Landungen. Zur Versorgung der SAC-Hütten sind jährlich etwa 3000 Flüge nötig.

(5) Parallel zur Überprüfung der Gebirgslandeplätze läuft eine Vernehmlassung des Bundes zur Schaffung von Landschaftsruhezonen. Von ursprünglich zwölf diskutierten solcher Zonen sind im Vernehmlassungsentwurf nur noch vier vorgesehen.

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