CRYSTALLIZATION Das SAC-Kulturprojekt für alle Sinne

Haben die Werte der alpinen Kultur in der urbanen Welt noch eine Zukunft? Dieser Frage geht das Projekt des Schweizer Alpen-Club SAC in Tischgesprächen, Tafelrunden, Begehungen und  künstlerischen Interventionen nach. Die Veranstaltungen werden kuratiert von Jean Odermatt.

Neben dem Klimawandel verändert vor allem die digitale Revolution in immer schneller werdendem Rhythmus unzählige gesellschaftliche Prozesse: Wanderungsströme, Beschäftigungs- und Einkommensstrukturen, Wahrnehmungs- und Erlebnisformen. Generell: Wertvorstellungen überhaupt.  Diese Prozesse gehen auch am Alpinen Raum nicht spurlos vorbei und so stellt sich die Frage: Welches Landschaftsverständnis und welche Wertvorstellungen verbinden wir heute mit diesem Raum? Antworten dazu geben die verschiedenen Veranstaltungen, welche zwischen Mai und Oktober 2019 in verschiedenen (alpinen) Landesteilen stattfinden. Die Veranstaltungen werden von erfahrenen und prominenten Exponenten wie Dominik Flammer (Foodscout) oder Gian Rupf (Schauspieler) begleitet. 

Der Begriff:

Crystallization bezeichnet den Prozess des Sich-Herausschälens, des Verdichtens einer Thematik und des Willens, etwas auf den Punkt zu bringen. Der Titel nimmt Bezug auf den Buchtitel einer Publikation des dänischen Künstlers und ausgebildeten Geologen Kirkeby Per Kirkebys: «Kristallgesicht» (1990)

Unter anderem mit:

Arno Camenisch

Schriftsteller

Arno Camenisch

Arno Camenisch, 1978 in Tavanasa/GR geboren, er lebt zurzeit in Biel. 2009 erschien sein Roman „Sez Ner“. Es folgten weitere, zuletzt 2018 „Der letzte Schnee“. Seine Texte wurden in über 20 Sprachen übersetzt und seine Lesungen führen ihn quer durch die Welt. Er hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise für sein Schaffen erhalten unter anderem den Schweizer Literaturpreis.

Gian Rupf

Schauspieler

Gian Rupf

Der Bündner gibt jeder Geschichte den nötigen Klang: abgründig, witzig, hinterhältig, fein, brutal oder demütig. Sprachkünstler, Schauspieler, Programmleiter des Bergfahrt Festivals in Bergün. Seit 15 Jahren zusammen mit Rene Schnoz unter dem Label «Bergtheater». Er ist die Stimme von SRF Kulturplatz, spricht für Dok, Reporter und Sternstunden.

Fränggi Gehrig

Akkordeonist

Fränggi Gehrig

In Andermatt (Uri) aufgewachsen. Als achtjähriger begann er mit Akkordeon Spielen. Er arbeitet als freischaffender Musiker und Komponist und ist bei diversen musikalischen Projekten engagiert. Obwohl seine Wurzeln in der traditionellen Schweizer Volksmusik liegen, widmet er sich immer mehr auch der experimentellen Volksmusik, sowie anderen Stilrichtungen.

Dominik Flammer

Autor

Dominik Flammer

Dominik Flammer ist ein profunder Kenner des «kulinarischen Erbes der Alpen – die vielseitige Ernährungsgeschichte des Alpenraums». Initiator des «Culinarium Alpinum» in Stans, einem kulinarischen Kompetenzzentrum für den Alpenraum.

Hans Hassler

Akkordeonist

Hans Hassler

Im Alter von sieben Jahren bekam er sein erstes Akkordeon. Er absolvierte eine Ausbildung als Tontechniker, studierte Musikwissenschaft, Anglistik und Klarinette. Hassler spielte und wirkte in diversen Jazzgruppen, Orchester und Musikgruppen mit. 2007 erschien sein erstes Soloalbum. 2018 erhielt er den Innerschweizer Kulturpreis für sein kreatives Schaffen quer durch alle Sparten.

Patrick Marxer

Food-Veredler

Patrick Marxer

Vor vielen Jahren: Patrick Marxer war enttäuscht über den angebotenen Lachs. Deshalb entschied er sich, seinen eigenen Fisch zu räuchern. Seit jenem Abend hat es sich der gelernte Laborant zur Aufgabe gemacht, gute Produkte noch besser zu machen. 2009 gründete er sein eigenes Unternehmen «Das Pure» mit dem Ziel, ökologische Delikatessen auf den Markt zu bringen.

Albin Brun

Musiker

Albin Brun

Der Luzerner Musiker ist ein Multi-Instrumentalist, (u.a. Saxofon, Schwyzerörgeli, Toy-Piano, Duduk, Obertonflöte und Waterphone). Er hält zahlreiche Konzerte und Tourneen in Europa, Afrika und Asien ab. Er schuf Musik für Theater, Hörspiele und DOK-Filme. Brun ist Gastdozent an der Hochschule Musik Luzern.

Jürg Steiner

Journalist

Jürg Steiner

Studium der Geographie, Geologie, Volkswirtschaft: Seit 1992 arbeitet er als Journalist, hauptsächlich bei der Berner Zeitung. Er schreibt regelmässig über und zu den Bergen, etwa in Publikationen wie «Die Suche nach der Wahrheit - 150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn». Moderiert öffentliche Diskussionen mit Bezug zu Bergen.

Michael Fehr

Schriftsteller

Michael Fehr

Michael Fehr wurde 1982 in Bern geboren. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und am Y Institut der Hochschule der Künste Bern. Seither hat er diverse Bücher publiziert, u.a. "Glanz und Schatten" (2017). Er ist die Stimme auf dem Musikalbum Bruxelles von Simon Ho (2016). Auf dem Studioalbum "Im Schwarm" (2018) sind einige seiner Geschichten als Songs (Erzählung und Musik) erschienen.

Jurczok 1001

Spoken Word-Künstler

Jurczok 1001

Gebürtig Roland Jurczok, geboren 1974, ist ein Spoken Word-Künstler und Sänger. Er lebt und arbeitet in Zürich. Seit 1996 zahlreiche Auftritte an internationalen Festivals. 2015 erhielt er den Förderpreis des Kantons Zürich. Seit 1998 Zusammenarbeit mit der Autorin Melinda Nadj Abonji. Zuletzt erschien sein Buch "Spoken Beats" in der Edition Patrick Frey (2018). Gastdozent für Spoken Word (ZHdK, HS LU, HKB, JULL) und freier Lektor.

Mirja Lanz

Chronistin

Mirja Lanz

Schweizerin mit finnischen Wurzeln. Sie studierte französische Sprach- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. 2011 absolvierte sie den Bildungsgang Literarisches Schreiben an der EB Zürich. Sie verbrachte viel Zeit in Ostfinnland und in den Bündner Alpen, mit dem Snowboard, zu Fuss und mit Stift und Blatt. Zurzeit arbeitet sie in der Zentralbibliothek Zürich und an der Dichtung 'Tuuli'.

Barbara Geiser

Chronistin

Barbara Geiser

Barbara Geiser studierte Geschichte und Musikwissenschaft an der Universität Zürich. Heute arbeitet sie als freie Texterin, Autorin und Lektorin in Zürich und unterrichtet experimentelles Schreiben sowie Schreibdenken. Bekannt wurde sie mit dem Roman «Wenn du gefragt hättest, Lotta», erschienen 2018.

Daria Wild

Chronistin

Daria Wild

Daria Wild ist Autorin und Journalistin. Nach einem Studium in Soziologie arbeitete sie mehrere Jahre als Journalistin bei «watson» und freie Reporterin (u.a. für die «Republik»). Gegenwärtig studiert sie Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut Biel. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

Julia Weber

Chronistin

Julia Weber

Julia Weber lebt in Zürich. Nach Berufslehre und Matura studierte sie literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. 2012 hat sie den Literaturdienst gegründet. Sie ist Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert». 2017 erschien ist Roman «Immer ist alles schön» beim Limmat Verlag.

Jean Odermatt

Soziologe, Künstler und Szenograph

Jean Odermatt

Schweizer Künstler und Soziologe. Beteiligung an nationalen und internationalen Ausstellungen, Träger des Europäischen Kulturprojekt-Preise. Der Gotthard ist für Jean Odermatt seit Jahrzehnten ein Territorium seines Lebens, Denkens und Schaffens. Dazu entstanden Bücher, Texte sowie Filme wie «Der Wolkensammler».

Sämtliche Veranstaltungen

Die einzelnen Veranstaltungen verstehen sich gleichsam als Prozesse einer Kristallisation, eines Schürfens von und nach Themen und Ausdruckformen. Die Teilnehmenden sollen dabei ihre Sinne schärfen. Im Vordergrund steht die persönliche Erfahrung. 

Das SAC-Kulturprojekt CRYSTALLIZATION umreisst die vier Themen: 

  • Schützen: Die Alpen als Schutz aber auch als Bedrohung. Eine Auseinandersetzung mit dem heutigen Wirtschafts- und Lebensmodell in den Alpen. 
  • Nähren: Die Alpen als Ernährungsraum, als Hort und Austauschraum lebenswichtiger Güter. 
  • Bewegen: Die Alpen als Transitraum und der Berg als Vertikale - ein Stachel in der modernen mobilen Gesellschaft. 
  • Echo: Die Alpen als Resonanz- und Sehnsuchtsraum und auch als ein gesellschaftliches Frühwarnsystem. 

SALON ALPIN und die Kunst der Debatte

Die Salons gehen in Gesprächen der Frage nach, wie eine zeitgemässe Auseinandersetzung mit Themen des alpinen Raums aussehen kann. Der Künstler Joseph Beuys verstand menschliche Handlungen mit der Absicht zur Veränderung als ästhetischen Eingriff in die Wirklichkeit, als kreative Gestaltung im zwischenmenschlichen Austausch, als «Soziale Plastik». In diesem Sinne verstehen sich die SALON ALPIN als eine «Soziale Plastik» sie verstehen die ungeteilte Aufmerksamkeit als eine Geste, die Intensität der Auseinandersetzung als eine unablässige Befragung eines Gegenstandes und gehen von einer völligen Offenheit dem Thema gegenüber aus. Die Salons formen in ihrem Diskurs eine Skulptur des Wissens, bilden einen Versammlungsort, an dem sich Menschen und Ideen, Tradition und Zukunft zu Zwiegesprächen treffen und am Netz menschlichen Wissens weben.

Moderation: Jürg Steiner, Bern

Teilnehmende: Carla Jaggi (Bergführerin),  Jürg Schmid (Präsident Graubünden Ferien), Jon Pult (Präsident Alpen-Initiative), Gion A. Caminada (Architekt), Benedikt Loderer (Stadtwanderer), Carmelia Maissen (Stadtpräsidentin Illanz); Erika Hiltbrunner (Biologin), Mike Keller, Josef Baumann, Nicole Müller (Hüttenwartin Trifthütte SAC) und viele mehr.

TAVOLATA und die Kunst der Tafelrunde

Tafelrunden sind seit jeher Orte des Austausches, Orte in denen alle Sinne angesprochen werden. Die Gemeinsamkeit von Ort, Zeit, Raum und Personen eröffnen Horizonte, machen wahrnehmbar.  Ähnlich wie der SALON ALPIN wollen die TAVOLATAS einen Einblick über den Zustand der alpinen Welt geben, insbesondere in das kulinarische Erbe der Alpen. Im Gegensatz zum flüchtigen Blick «überwindet Geschmack jede Grenze und bleibt in Erinnerung» meint der Verantwortliche Dominik Flammer. Erinnerungen sind in unserem Gaumen, auf unserer Zunge und in unserer Nase verankert. In diesem Sinne verstehen sich die TAVOLATAS als eine Skulptur.

Dominik Flammer als Übersetzer zwischen Produzenten und Köchen und profunder Kenner des alpinen Ernährungsraumes ermöglicht die Begegnung mit Bekanntem und Vergessenem, mit Vergangenheit und Geschichte, erkundigt die Exotik des Naheliegenden, erfahrbar gemacht im Rahmen einer Tischgesellschaft. Durch den Magen schlüpft Erkenntnis, schärft die Sinne für das Naheliegende, oft Vergessene, den Preziosen ausserhalb des Mainstreams der internationalen Lebensmittelindustrie. Szenische Elemente wie Tischreden und musikalische Intermezzi machen die Tavolatas zu einem Gesamtkunstwerk.

PFADE und die Kunst des Gehens

Wanderungen sind Erzählungen. Wir lesen im Buch der Natur. Jahrzehntelang begegnete der Mensch der Dynamik der Natur (vor allem Boden, Wasser und Vegetation) mit einer Haltung der Beherrschung. Er ging davon aus, dass er die Kräfte der Natur ingenieurtechnisch bändigen und wissenschaftlich kategorisieren müsse und dies auch könne. Diese Errungenschaften wurden und werden als kulturelle Leistungen gepriesen. Gleichzeitig wurde Natur aber auch romantisch verherrlicht. Und in der aktuellen Diskussion über Klimawandel und Naturkatastrophen rücken nun Naturbeherrschung, Naturverherrlichung und Naturreproduktion in ein neues Verhältnis.

Unsere Vorstellungen und Teile unseres Wissens von Landschaft sind durch Wanderungsbewegungen entstanden. Beim Erschliessen einer Landschaft zu Fuss vollzieht sich eine Verbindung der einzelnen Raumbestandteile zu einer Erzählung.  Die inspirierende Wirkung von Gehen und Wandern auf Gedankengänge und die Entstehung von Texten und Ideen hat eine lange Tradition. Gehen wird als Lesen des Raumes bzw. als Erzählung des Raumes interpretiert.

Gian Rupf ist Schauspieler und zeichnet sich verantwortlich für die Pfade. Nicht jedes Projekt muss in einem grossen Massstab stattfinden. Die Crystallization-Pfade wollen nicht Teil eines Event-Zirkus sein, sondern stille Begehungen an ganz spezifischen Orten, alle im Höhenbereich zwischen 2'000 und 3'000 m ü.M. Das Gehen in der Landschaft kann zu einem erfinderischen Prozess werden, bei dem im Wechselspiel aus Entdecken, Geschehen–Lassen und Reflektieren Neues entsteht. Der Autor Arno Camenisch wird auf dem Pfad Val Frisal mit Geschichten aufwarten, der Spoken Word-Pionier Juirczok 1001 im Averstal und der Schriftsteller Michael Fehr entlang einer Suone auf der Belalp. 

Chronistinnen - die Kunst des Sich Erinnerns

Die Chronistinnen berichten von den Salon Alpins, den Pfaden, den Tavolatas. Dabei gilt zunächst das Sich-Einlassen und Beobachten. Die Ansammlung von  visuellen, akustischen, olfaktorischen und taktilen Zeichen lässt sich mit der visuellen Qualität von Wörtern erzählen. Zum Erzählen gehört das Vielfältige und Unterschiedliche als konstitutive Elemente. Die Erzählung steht mit dem Entdecken in Verbindung.

Im Erzählen werden vielfältige zeitliche und topologische Wendungen vollzogen: Unterschiedliche Orte und Zeiten werden in andere transformiert. Bereits Erzähltes wird noch einmal und anders erzählt.

Erzählen vergegenwärtigt, Zurückliegendes oder Fernes wird in eine Nähe gerückt. Erzählungen geben dem Geschehen eine zweite Gestalt. Erzählung stiftet einen Sinn, überträgt Orte, Räume und Geschehnisse in Sprachbilder.

Die Erzählerin nimmt, was sie erzählt, aus der Erfahrung, aus der eigenen oder der berichteten. Und sie macht es zur Erfahrung derer, die ihrer Geschichte zuhören. So entsteht etwas,  was zuvor noch nicht denkbar und noch nicht sichtbar war. So entstehen erzählte Erzählungen.

Barbara Geiser, Daria Wild, Julia Weber und Mirja Lanz wirken als Chronistinnen. Ihre Beiträge werden laufend auf dieser Webseite publiziert und verweben sich hier zu einer Dokumentation.

Musik - der rote Faden durch alle Veranstaltungen

Die einzelnen Veranstaltungen werden von  den Musikern Fränggi Gehrig, Andermatt, Hans Hassler, Zug und Albin Brun, Luzern begleitet. Ihre Live-Musik zieht sich als roter Faden durch alle Veranstaltungen und schafft die Verbindung zwischen den einzelnen Veranstaltungen und zum Ausgangs- und Endpunkt in Bern. An der Eröffnung in Bern und am Tellspielhaus in Altdorf steht ein 20minütiges Intermezzo auf dem Programm.

Die Musiker Michael Fehr, Jurczok 1001 und Christian Zehnder sind in je unterschiedlichen Formaten mit ihrer Stimme oder ihren Instrumenten ein spezieller, prägender Moment und verbinden unsere Erlebnisse mit ihrem Klang. 

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